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Heinz Rudolf Kunze - Die Gunst der StundeHerzlichen Glückwunsch zu Platz 8 in den Album Charts; Kunze wird 30 - Im Frühjahr 2011 wird Heinz Rudolf Kunze 30 Jahre alt. Wie, er wirkt älter? Ist er auch. Aber er steht seit 30 Jahren auf der Bühne – fast ununterbrochen. Bühnenjubiläum also. Und der Mann ist von so ungeheurer Produktivität, dass die Schallplattenfirmen nicht mit dem Plattenpressen hinterherkommen. 30 Jahre in Zahlen? Bitte: • 32 Alben und 16 Singles – insgesamt über 3,5 Millionen verkaufte Tonträger • Mehr als 1000 Auftritte mit über zwölf Millionen Zuschauern - • Rund 4000 Texte in 13 Büchern; Das Album meines Lebens - Nun, im ...

Heinz Rudolf Kunze - Die Gunst der Stunde
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 Jubiläumsjahr – ein neues Album. Und wieder ist alles anders. Denn Heinz Rudolf Kunze tritt heraus aus dem Metaphernwald und singt überraschend Klartext: Statt „Dein ist mein ganzes Herz“ heißt es jetzt frei heraus „Ich liebe dich“!  Ein Song, die auch etwas mit seiner neuen Liebe zu tun hat. Aber mit diesem Titel ist sie natürlich universell einsetzbar, wenn ein Mann einer Frau etwas zu sagen hat – oder umgekehrt. Oder ein Mann einem Mann usw.

„Ich kann dir zeigen wie man tanzt und singt“ ist seinem inzwischen erwachsenen Sohn Paul gewidmet -  eine warmherzige Ermutigung, in diesen sperrigen Zeiten den Kopf nicht hängen zu lassen. „Die Zeiten sind halt wie sie sind/am besten ist der Boxer wenn er swingt“ singt Kunze mit vertrauter Doppeldeutigkeit. Und swingt.

„Das Album meines Lebens“ sagt er über „Die Gunst der Stunde“ und lächelt dabei. Denn die 13 Songs – das hört man ihnen an - sind auch die Bestandaufnahme eines glücklichen Mannes. Relativ glücklich, versteht sich. „Ich fange ganz unten bei sinnlichen Wahrnehmungen an und versuche mir da den Alltag zusammenzusetzen und komme so manchmal auch sehr nahe an das heran, was für die Menschen wirklich und existentiell bedrohlich und schön und sinnlich ist“, sagt Kunze über seine Arbeitsweise.

Ganz weit vorne

Leo Schmidthals, der Bassist, hat das Album in seinem Hamburger Studio zusammen mit Heinz Rudolf Kunze produziert. Und den Sänger im Klangraum ganz weit nach vorn geholt. Denn Heinz Rudolf Kunze singt sein Lied – die anderen Musiker sind zur „Verstärkung“ da. So heißt Kunzes Band seit 30 Jahren – egal, wer darin spielt. Auf „Die Gunst der Stunde sind das Leo Schmidthals, Jörg Sander, Jens Carstens, Zoran Grujowski und Matthias Ulmer sowie als Gäste die Hornsektion „Johnny Blazers“ und Hagen Kuhr am Cello.

Heinz Rudolf Kunze singt nicht nur, er spielt auch Keyboards und Gitarre. Aber er ist ja sowieso ein Tausendsassa.
Denn Heinz Rudolf Kunze ist Sänger, Gitarrist, Pianist, Autor, Lyriker, Musicaltexter, Shakespeareübersetzer, Rechtschreibreformverweigerer, Kochmuffel, konservativer linker Liberalgrüner, Niederlausitzer, Fachhochschuldozent, Radiogastmoderator, Enquetekommissionssachverständiger, Westossi, Musikjournalist, Nachwuchswettbewerbgewinner, Spiegelessayist, Worldvisionär, Eurovisionskandidat, Konflikttraineringatte, Vater, Räuberzivilist, Kirchentagshymnenschöpfer, Wahlwedemarker, Großstadtrevierschauspieler, Gitarrenrocker, Townshendfan und Yes-Sager.

Zehn Fragen an Heinz Rudolf Kunze

• Die Arbeit am neuen Album scheint ja ausgesprochen entspannt gelaufen zu sein. Man hört dich sogar lachen…

„Das liegt an dem wuseligen WG-Studio von Leo Schmidthals. Da liegen überall Kabel, da stehen Flightcases herum - man kann sich kaum richtig bewegen. Deswegen hat das immer einen so herrlichen Unernst, wenn man da aufnimmt. Wenn man in einem luxuriösen Studio aufnimmt, wo alles aufgeräumt und groß und teuer ist, steht man eher unter dem Druck, dass alles sitzt und sofort gelingt.“

• Von wem stammt der harmonische Chorgesang – beispielsweise auf  ´Susanne es ist Schluss´?

„Ich singe meine Chöre, von wenigen Ausnahmen abgesehen, selbst und ich bin der einzige deutsche Rocksänger, der seine Chöre selbst singt. Denn mir ist weder bei Grönemeyer noch bei Westernhagen noch bei Maffay noch bei Lindenberg noch bei Niedecken noch bei Campino noch bei Rammstein jemals aufgefallen, dass die ihre eigenen Chöre singen.“

• Was ist nach dreißig Jahren Musik machen besser als am Anfang?

„Dass auch ein paar jüngere Kollegen meine Platten haben und sagen, sie hätten das eine oder andere von mir gelernt. Die ersten Jahre habe ich völlig ohne Referenzen leben müssen – eigentlich hat sich sogar in den ersten beiden Jahrzehnten niemand zu mir bekannt. Das wird jetzt langsam anders: Mit den grauen Haaren kommt fast schon der Kult-Status. Ich war letztens in Mannheim und habe eine Nummer für das Arbeitsamt Baden-Württemberg aufgenommen mit den Musikern von Xavier Naidoo. Die sind so Mitte Zwanzig und kannten meinen Kram. Die haben eine Nummer für mich komponiert und gesagt: ´Wir haben das versucht wie bei dir, damit du da gut drauf singen kannst!´ So etwas ist einfach schön.“

• Das war die Haben-Seite. Und was steht auf der Soll-Seite?

„Das Scheitern meiner ersten Ehe! Und das hat sicherlich auch mit diesem Beruf und Lebensweg zu tun. Damit konnte meine erste Frau irgendwann nichts mehr anfangen. Wir haben uns wirklich, wie es so blöd heißt, auseinandergelebt und hatten am Ende gar keine Gemeinsamkeiten mehr. Das ist sicherlich der schwerste Verlust auf der Soll-Ecke.“

• Aber du bist seit anderthalb Jahren wieder glücklich verheiratet…

„…und Gabi hat einen starken Einfluss auf das, was ich veröffentliche. Diese Aufhellung der Stimmung ist bei vielen Liedern unüberhörbar und hat sicherlich auch mit meinem Privatleben zu tun. Als Autor leugnet man ja gerne, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Privatem und Arbeit, aber das ist Quatsch: Natürlich gibt es den, wie auch immer, verschlungen und verwoben.

Und auf der Haben-Seite steht in großer Leuchtschrift: ´Ich durfte einen langen Weg gehen, für den ich dankbar bin. Bei meinem ersten Schallplattenvertrag, der immerhin fünf Jahre beinhaltete, habe ich fünf Jahre lang gedacht, dass ich danach wieder ins bürgerliche Leben zurückmüsste, als Lehrer, wie ich es gelernt habe.“

• Stattdessen gab es 30 Jahre Rock´n´Roll und viele interessante Begegnungen…

„Mit Hildegard Knef durfte ich auf ihrem letzten Album zusammen arbeiten. Ich habe mit Peter Hammill und Herman van Veen gearbeitet, habe sogar mal etwas für Karel Gott gemacht. Als ´Hobbyjournalist´ habe ich so interessante Leute getroffen wie Helge Schneider, Tony Banks von Genesis, Ray Davies von den Kinks. Neil Young und die Band Wire habe ich mal für den ´Musikexpress´ interviewt. Dann gab es die Zusammenarbeit mit Peter Maffay und Udo Lindenberg, mit denen ich bei irgendwelchen Anti-Atom-Openairs auf der Bühne stand - wie es eben in den achtziger Jahren so war. Und das geht so weiter: Letztes Jahr habe ich mit der Gang von Udo und Peter im Hamburger Stadtpark gespielt.“

• Und wenn Du mal gerade nicht schreibst oder auf der Bühne stehst, dann liest Du oder schaust in die Röhre?

„Ich bin ein großer Schwarzwaldklinik-Fan! Es gibt einige Sätze, die der Wussow da sprechen durfte, die durchaus eine gewisse Tiefe haben. Das geht einem wahrscheinlich näher, wenn man älter wird. Wussow war ein Glücksgriff für die Fernsehwelt. Dann gucke ich alle Vorabendkrimis im ZDF, am liebsten die schwachsinnigsten. SOKO Kitzbühel finde ich am tollsten: Dieser komische Gastronom, der der Vater der Kommissarin ist, mit der Gräfin, die immer bei den Ermittlungen stört -  das ist so an den Haaren herbeigezogen, das macht mir einfach Spaß!
Die Tatort-Kommissare Ströwer und Brocki fand ich toll, die beiden Münsteraner Börne und Thiel sind für mich Hausgötter. Ich könnte mir jedes Mal in den Hintern beißen, wenn ich Sonntagabend spiele und eine Sendung verpasse. Bei meiner Lektüre mute ich mir sehr viel zu, aber im Fernsehen will ich am liebsten ´Heile Welt´ sehen.“

• Aber in deinen Texten und Liedern provozierst du auch gerne…

„Weil ich mich provoziert fühle, beispielsweise von zu viel political correctness! Ich finde es unglaublich, dass man nicht mehr ´Negerkuss´ sagen darf. So ein schönes Wort! Wer wird denn dadurch beleidigt? ´Schaumkuss´ - was ist denn das für eine Scheiße? Was ist mit ´Mohrrübe´? Darf man das noch sagen? Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie ich zu reden habe. Auch nicht wie ich zu denken habe. Ich deute manchmal Wörter um, wie es mir passt. ´Die Freiheit nehme ich mir´  hieß es doch mal so schön in der Werbung.“

• Demnächst ist wieder Eurovision Song Contest. 1997 warst du beim deutschen Vorentscheid dabei. Was sagst Du zu Lena Meyer-Landrut?

„Ein großer strategischer Sieg von Stefan Raab. Als Organisator und Macher ist das sicherlich sein Meisterstück - und nicht sein erstes. Ob das bei der Lena zu einer längeren Karriere reicht, weiß ich nicht. Das wird sich demnächst zeigen. Ich habe mich schon ein wenig gewundert, dass ein Lied gewonnen hat einfach nur aufgrund dieser Jungmädchenausstrahlung. Denn das Lied selber ist ja nichts, man kann nicht einmal den Refrain mitsingen. Das war doch bislang immer entscheidend bei einem Schlagerwettbewerb.“ 

• …und das ist ein entscheidender Vorteil deines neuen Albums: Refrains mit Ohrwurm-Qualitäten. Woher die neue Leichtigkeit?

„Weil es mir gut geht. Aber das ist auch eine Frage der Selektion. Ich hätte stattdessen ein komplettes ´Leonard-Cohen-Selbstmordalbum´ machen können. Wollte ich aber nicht!“.

Kunze über Kunze: 13 Lieder in Worten

Hunderttausend Rosen - „Wenn Elvis lebt, dann lebt Hildegard Knef schon lange!“

Ich glaub du liebst mich - „In keiner Kunstform kann man kurz und bündig Zynismus und Verunsicherung so gut auf den Punkt bringen wie in einem Rock´n´Roll-Song. Der Sänger als Hecht im Haifischteich…“

In der Mitte der Sanduhr - „Ich dürfte der erste Künstler sein, der auf Sandkörnern Sorgenfalten entdeckt hat. Einen Nobelpreis fürs Älterwerden bitte!“

Ganz von selbst -  „Isaac Newton und Albert Einstein runzeln bei diesem Lied mit Recht die Stirn. Nichts geht in diesem Universum ganz von selbst. Das Gesetz von Ursache und Wirkung gilt nun einmal. Aber in der Liebe sind alle Gesetze zum Glück aufgehoben.“

Kampfzone Mitte - „Ein Lied für den Prenzlauer Berg und alle Metropolen, in denen es kocht. Der Schlusssatz des Refrains ist nicht nur die Sorge eines Vaters - es hat etwas mit Franz Kafkas Erzählung ´Der Landarzt´ zu tun.  Sinngemäß zitiert: ´Einmal dem Läuten der Nachtglocke gefolgt, ist es nie wieder gutzumachen…´“

Ich liebe dich - „Die Behauptung, dass alle Masken gefallen sind, ist immer auch eine Wunschbehauptung, ohne dass man dabei lügt. In diesem Sinne bin ich ganz nah bei Max Frisch.“

Trockne deine Tränen - „Brian Wilson, der aussortierte, aber eigentliche Beach Boy, sitzt 1966 in dem arabischen Zelt, das er sich in seiner Villa einrichten ließ und fleht eine Frau an, die es weder für ihn noch für irgendjemand anderes jemals geben wird.“

Susanne es ist aus - „Es kann auch Gesellschaftskritik geben, wenn man mal nicht das Prekariat im Blick hat. Peter Handke schrieb in seinem Theaterstück ´Die Unvernünftigen sterben aus´ schon 1973 aus der Perspektive eines Unternehmers: ´Wenn die einfachen Sorgen aufhören, fangen die schwierigen erst an.´ Ich halte das für nicht arrogant. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Natürlich macht Geld einiges einfacher, aber bei weitem nicht alles!“

Der stille Gast - “Der Tod ist ein Begleiter vom ersten Lebensmoment an, man merkt es nur später.”

Ich kann dir zeigen wie man tanzt und singt - „Die Liebe und Ermutigung eines Vaters für seine Kinder! In diesem Fall ist der Sohn der Adressat - das Album insgesamt habe ich meiner Tochter gewidmet. Voller Zweifel, voller Unsicherheit, was die Zukunft betrifft, war mir das ein Herzanliegen, was alle Eltern verstehen können müssten. Und wenn man dazu noch tanzen kann, macht es aus dem Generationenvertrag eine genießbare Vereinbarung.“

Eisfrei - „Nicht nur ein Liebeslied, sondern auch eine Liebeserklärung an Hamburg. Das Bassmotiv ist nämlich der Morsecode Hamburgs. Deswegen die Vocoderstimme Hamburg International - wie bei Kraftwerk.“

Jeder weiß - „Jaja, die Kumpanei der Bescheidwisser. Alle machen Party im selben Boot und wissen durchaus, was der Fall ist, aber nicht, dass er schon so nah ist: der Niagarafall.“

Unbeliebt - „Es ist eine gute Strategie, das Schlimme im Leben nicht grauenhaft, sondern lächerlich zu finden. Ironie ist die beste Hautcreme für Menschen ohne dickes Fell.“
*
…und nicht vergessen: „Writing about music is like dancing about architecture.“ (Steve Martin)

Quelle: Ariola

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