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Von wegen Lisbeth - Grande (Album am 15.07.2016)„Komm rüber, wir haben noch eine halbe Tüte Chips!“, versuchen sie auf ihrer Facebook-Seite Grand-Prix-Lena zu locken - mit angebrochenen Snacks. Bei der Berliner Indiepop-Sensation Von Wegen Lisbeth ist eben nicht nur gefühlt mehr los als anderswo: Zu ihrem erweiterten Instrumentarium zählt eine elektrische Harfe und in ihrem VW-Bus klafft ein Loch. Nun erscheint das Debüt-Album „Grande“ – unter anderem mit...

der prophetischen Zeile: „Wenn wir jetzt Funken schlagen, explodiert der ganze Laden!“

Los geht die Geschichte dieser Band in einer längst vergessenen Welt, den mittleren Nuller Jahren. Statt Smartphones besitzt man Nokia-Handys, statt SSIO hört man Sido und die Jungs von Von Wegen Lisbeth sind noch total klein. Der Sport-Unterricht in ihrer siebten Klasse fällt aus (Herr Markquart = krank) und so fahren Matze und Jules in den heimischen Keller, kloppen auf einer Gitarre mit zwei Saiten und einem antiquarischen Drumcomputer herum. Begeisterungsfähigkeit und die Lust am Ausprobieren machen schon damals die Musik. Aus diesem privaten Urknall kursieren noch heute Stücke wie „Mein Kieferorthopäde ist ein Henker“. Doch glücklicherweise werden Von Wegen Lisbeth mit diesen Aufnahmen wohl nie erpresst werden, denn sie finden sich gebannt auf das Medium der damaligen Zeit: Mini-Disc. Kann heute eh keine Sau mehr abspielen.

Muss man aber auch nicht, ohnehin klingt die Gegenwart der Band reizvoller als der holprige Freistunden-Elektropunk zu Beginn. Über die Jahre haben sich Von Wegen Lisbeth, die durch Julian, Doz und Robert mittlerweile aus fünf Mitgliedern bestehen, voll funktionsfähige Instrumente zusammengesammelt, wobei der Spaß am Ungewöhnlichen immer noch ein Grundbedürfnis der Band darstellt: Ihr Soundhorizont übersteigt bei weitem das übliche Gitarre-Bass-Schlagzeug-Outfit. So sind Steeldrum wie Elektrische Harfe auch keine Proberaumstaubfänger sondern finden immer mal wieder pointiert Eingang in die eigene musikalische Welt.

Eine musikalische Welt, an der man bis jetzt vor allem auf Konzerten, YouTube oder durch die EP „Und plötzlich der Lachs“ teilhaben konnte. 2016 setzt die Band nun endlich das letzte fehlende große Puzzlestück ein: Die Debüt-Platte. „Grande“ heißt sie und bringt den Von-Wegen-Lisbeth-Kosmos genauso überschwänglich wie konzentriert auf den Punkt. Die Ideen, die hier in Songs geflossen sind, würden andere Acts auf mehrere Alben strecken. Doch Von Wegen Lisbeth lieben die große kreative Verschwendung und lassen einfach kommen. Alles soll fließen und so entdeckt man auf „Grande“ auch nach dem x-ten Hören immer wieder neue Details. Feinste Pop-Präzisionsarbeit, die dabei völlig leicht wirkt. So passt es auch ins Bild, dass man sich andauernd ungewöhnliche, tolle, verrückte Textstellen merken möchte. Hat denn niemand mal einen Stift? „Ich habe 99 Probleme und Du bist jedes davon“ (aus: „Drüben bei Penny“), „Jetzt wird wieder in die Lobby gespuckt“ (aus: „Freigetränke“) oder auch die Liebesgeschichte mit Straßenrap-Tourette „Bitch, ich bin für dich den ganzen Weg gerannt“) (aus: „Bitch“)... Diesen Storys, diesem Album hört man einfach gerne zu.

„Grande“ wird den längst angezählten Geheimtipp-Status der Band endgültig in die Garage fahren. Geheim wird man das hier jedenfalls nichts mehr halten können. Kein Ding für die Band mit dem seltsamen Namen (den sie übrigens dem sogenannten „Knickzettelchenspiel“ verdankt), ohnehin führten sie ihre Touren mit AnnenMayKantereit bereits in die ganz großen Hallen - nicht anders wird das als Opener von Element Of Crime dieses Jahr sein. Auf eigene Tour gehen ist allerdings nach wie vor am schönsten. Daher freuen sich die Jungs jetzt schon auf die zweite ganz eigene im Herbst.

Wer einmal Lust auf eine wirklich spezielle Deutschlandreise verspürt, dem sei daher unbedingt der Tourblog der Berliner ans Herz gelegt (leicht zu finden auf www.vonwegenlisbeth.de). Zwischen Autobahnraststätten, Quatsch und Wahrhaftigkeit liest man sich hier durch die gesammelten Auswärtsfahrten.
Allein die Eröffnung des Eintrags zu Ravensburg: „Wie soll man der Anziehung einer Stadt widerstehen, die das Wort ‚raven‘ schon von sich aus im Namen trägt?“
Gute Reise. Man sieht sich unterwegs...

Text: Linus Volkmann
Quelle: Sony Music