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Radio VHR - Schlager | Deutsch Pop

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Tim Bendzko: Ein ausführliches Interview zum kommenden Album (Immer noch Mensch)(Berlin, Juli 2016) von Torsten Kieling: 1. Vor etwas über fünf Jahren haben wir uns das erste Mal getroffen. Damals bist du allein mit der Gitarre unterwegs gewesen, um deine Songs vorzustellen. Drei Jahre später verkaufst du die Berliner Waldbühne aus. In welchen Momenten denkst du darüber nach wie gut es jemand augenscheinlich mit dir meint? - So richtig kann man nicht realisieren, dass das irgendwie alles...

ein bisschen zu gut läuft. Man merkt immer zwischendrin, jetzt passiert irgendwas, was eigentlich relativ unwahrscheinlich ist, dass es einem passiert. Aber man ist dann auch so schnell so sehr damit beschäftig, die Sachen zu tun, dass man jetzt nicht die ganze Zeit denkt „Oh krass, das ist aber ein Wunder.“. Aber wenn man dann mal Pause hat, dann kommen natürlich die Momente, wo einem klar wird, dass es völlig absurd ist, dass die Sachen, die man sich ewig erträumt hat, plötzlich nicht nur Realität, sondern eigentlich Alltag sind und man ist die ganze Zeit dabei, sich zu kneifen und darum zu kämpfen, dass es so bleibt. Ich bin extrem bedacht, dass, wenn irgendwas gut läuft, dann denke ich mir sofort „Oh, jetzt nicht abheben, nicht verrückt werden, es nicht für selbstverständlich nehmen“, weil ich immer denke, dass geht dann wahrscheinlich schnell wieder weg.

2. War das Konzert in der Waldbühne dein bisher größtes Highlight?

Das Waldbühnen-Konzert war auf jeden Fall das Absurdeste. Es war an sich schon eine ziemlich unsinnige Idee, das überhaupt zu machen. Daran kann man relativ gut erkennen, dass man eben auch mal nicht richtig bei Verstand wenn einem solchen Sachen passieren – also wenn man plötzlich erfolgreich wird mit der Musik. Ich habe wirklich bis zum Tag davor noch gedacht „wie dumm kann ein Mensch sein, zu probieren“. Und dann ist es passiert und es war ein klassischer magischer Abend, wo zehn Minuten vor dem Konzert noch eine Absage im Raum stand, weil es eine Unwetterwarnung gab. Und dann hat es doch stattgefunden und war von der ersten Sekunde bis zum Schluss der absolute Oberwahnsinn. Und das werde ich so schnell nicht vergessen. Ich werde jetzt immer gefragt, wann wir wieder da spielen und ich bin da aber grad noch so „Nein, lass mal lieber nicht machen, weil das so einzigartig war. Das jetzt wiederholen zu wollen, ist – so glaube ich – gefährlich, das muss man sich auch eine Weile bewahren, dass es so ein absurder Abend war und dann macht man irgendwann in zwanzig Jahren ein Jubiläumskonzert.

3. Du hast in den letzten Jahren viele Mitstreiter und Mentoren gehabt, Peter Maffay gehört dazu genauso wie Udo Jürgens es tat. Fühlt man sich da auf einer Ebene?

Es ist natürlich eine Riesenehre mit Leuten wie Udo Jürgens oder Peter Maffay zu arbeiten. Aber ist es jetzt nicht so, dass man dann denkt „Oh, jetzt bin ich oben angekommen und bin mit denen auf einem Level.” Das ist Unsinn. Es ist aber wirklich total krass, dass die Leute, die ich als Kind bewundert habe und die ich immer noch bewundere, mir quasi Respekt entgegen bringen und sagen „Hey, der kann auch ein bisschen singen.“, das find ich superkrass und freue mich darüber, aber es ist jetzt nicht so, dass ich denke „Ich habe es geschafft, ich bin am Pop-Olymp angekommen.“

4. Was waren die besten Tipps die du für deine bisherige Karriere mitnehmen konntest?

Es ist jetzt nicht so, dass diese Koryphäen der Pop-Musik zu einem kommen und sagen „Hey, mach das doch mal so und so.” Es ist eher so, dass ich natürlich beobachte, wie die mit so Dingen umgehen, wie die auf die ganze Pop-Musikbranche gucken und auch so das ganze Drumherum. Und es ist bei Udo Jürgens und auch bei Peter Maffay die gleiche Kiste, die ich gelernt habe: Zu verstehen, dass die Arbeit nicht nur auf der Bühne stattfindet, sondern dass das ein Full-Time-Job ist – jeden Tag, die ganze Zeit. Das ist eben nicht nur Halligalli, sondern dass man sich Halligalli eben auch erarbeiten muss.

5. Wie entspannt bist du gerade?

Ich bin eigentlich überraschend entspannt. Nicht, weil ich jetzt unheimlich viel Freizeit hatte – ganz im Gegenteil, ich bin nicht so der Freizeit-Typ, mir macht es ja Spaß, Musik zu machen. Aber ich hatte mir vorgenommen, das auf eine gewisse Art und Weise zu tun und mir ein gewisses Ziel gesetzt, wie das am Ende klingen soll, wie das alles aussehen soll. Und da das genauso gekommen ist, bin ich der glücklichste Mensch der Welt grade. Und alles, was jetzt passiert, ist Bonus. Natürlich wünscht man sich, dass das alles ein Riesenerfolg wird. Und es wäre extrem bitter, wenn es das nicht wäre. Aber auch im Vergleich zu den ersten beiden Albernes mir wirklich extrem gut gerade.

6. Du bist unter anderem raus aus der Großstadt aufs Land gezogen / Berlin zu hektisch?

Ich bin ja echter Berliner und beobachte natürlich, was so um herum passiert. In Berlin ist halt wirklich viel los die ganze Zeit. Wenn man dann selber viel unterwegs ist und immer viel Trubel um einen gemacht wird, dann ist das schon mal ganz angenehm. Und unabhängig davon, hab ich mir überlegt, ein Studio zu bauen oder eines zu suchen und das hat sich einfach in Berlin echt schwierig gestaltet und dann hab ich beschlossen, dass ich mal gucke, ob ich irgendwo ein kleines Häuschen finde, wo ich niemanden störe und einfach da Musik machen kann.

7. Natur und ein eigener Garten, Dinge über die man mit 30 nachdenkt?

Also, wenn mir vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mit 31, bzw. zu dem Zeitpunkt war ich ja erst 29, aufs Land ziehe, hätte ich ihn wahrscheinlich ausgelacht. Damit war jetzt nicht zu rechnen. Und ich hab auch am Anfang gedacht „Es ist wahrscheinlich nach einer gewissen Zeit irgendwie komisch, wahrscheinlich werde ich die Stadt vermissen.“ Aber lustiger weise ist das überhaupt nicht so. Ganz im Gegenteil: Jeden Tag hab ich das Gefühl, es war eine bessere Entscheidung, mich von dem ganzen Wahnsinn mal ein bisschen zu distanzieren.

8. Vermisst du die Großstadt manchmal?

Es ist jetzt schon, dass wenn man spät in der Nacht auf die Idee kommt, noch was essen zu gehen, das ist dann auf dem Dorf schon ein bisschen schwierig. Aber das ist auch das einzige. Aber ich bin auch nicht der Café-Typ. Ich muss nicht den ganzen Tag von einem Café ins nächste pendeln. Dementsprechend ist das schon auch schön, dass man das dann so dosiert machen kann. Wenn man eben auch nicht so inflationär leckeres Essen hat, dann weiß man es auch mehr zu würdigen.

9. Man sagt oft, dass Album Nummer Zwei das Schwerste ist. Fällt bei der dritten Platte jetzt die Last ab?

Lustiger weise finde ich, dass das dritte Album eigentlich das schwerste ist – also ausgehend von dem Sprichwort, dass das zweite Album das schwerste ist. Man sagt das ja beim zweiten Album, weil man beim ersten so unendlich viel Zeit hat, das zu machen. Das erste Album ist ja meistens ein Best-Of-Album aus all den Jahren, in denen man Musik macht und das zweite macht man dann halt meistens in ein paar Monaten, zumindest schreibt man die Songs in ein paar Monaten. Ich find aber tatsächlich, dass das dritte am Ende das Wichtigste – nicht das Schwerste – ist, weil man damit am Ende festlegt, was man eigentlich für Musik macht – damit definiert man das so ein bisschen. Ein Album das klingt halt rosa und das andere klingt blau und mit der dritten Farbe sagt man dann in welche Richtung man eigentlich geht. Und für mich geht es darum, einen Kern zu finden, einen Ausgangspunk: was ist eigentlich die Musik, die ich mache? Es geht nicht darum, dass ich mich jedes Mal verändere, mich weiterentwickle – das macht man praktisch automatisch, das heißt aber nicht zwangsläufig, dass es jedes Mal eine andere Musikrichtig sein muss. Für mich geht es erstmal darum, einen Ausgangspunkt zu finden und der ist jetzt – so glaube ich – definiert.

10. Was war die musikalische Grundidee zu „Immer Noch Mensch“?

Musikalischer Ausgangspunkt für mich ist ungekünstelte Musik. Ich höre total viele verschiedene Musikrichtungen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen den Sachen, die man hört und denen, die man selber gern macht oder die man selber singt auf der Bühne. Für mich muss ein Song mit ganz wenig funktionieren. Er muss funktionieren wenn ich ihn a-capella singe, er muss funktionieren, wenn ich ihn nur mit der Gitarre begleite oder nur mit dem Klavier – es muss in einer ganz kleinen Besetzung funktionieren. Dann guckt man, was man noch alles dazu macht. Und da sind die Möglichkeiten unbegrenzt. Gerade heute gibt es ja eigentlich keine Musikrichtungen mehr – es wird ja quasi alles miteinander vermischt. Da war es für mich wichtig erstmal einen soliden Kern festzulegen. Und das ist für mich mit so wenig Instrumenten wie möglich, so nah wie möglich an dem dran bleiben, wie ich den Song geschrieben habe.

11. Haben dich die Wohnzimmerkonzerte dazu inspiriert?

Darauf gekommen bin ich eigentlich auf der großen Tour zum zweiten Album. Da stand ich auf der Bühne und habe gesungen. Und man hat ja dann immer so ein Gefühl, ob man den Song jetzt grade gern singt oder nicht. Und es ist jetzt nicht so, dass ich einen Song gesungen habe und gedacht habe „Was ist denn das jetzt für ein Müll?“, aber man merkt eben schon, dass bei manchen Songs mehr drin ist und bei anderen weniger. Und da genau ist für mich die Erkenntnis gereift, dass die Songs, die ich komplett selbst geschrieben, wo ich auch die Musik selber geschrieben habe auf der Gitarre oder auf dem Klavier, dass ich die ganz anders singe und dass die sich auch anders anfühlen auf der Bühne, als ein Song, den ich auf einen Beat geschrieben habe. Wenn ich das anhöre, finde ich beides gleich gut, aber wenn man es dann selber spielt, ist es einfach eine andere Kiste, wenn das ein Song ist, der aus den eigenen Fingern rausgekommen ist. Man hat dann einfach ein anderes Gefühl dabei. Daher habe ich mir gedacht, dass, wenn denn die Zeit da ist beim neuen Album, dann möchte ich auch die Musik selber schreiben.

12. Brauchst du Termindruck um neue Songs zu schreiben?

Ich habe lustiger weise immer geglaubt, dass ich Termindruck brauche, um neue Songs zu schreiben. Das liegt halt dann auch in der Natur der Sache. Man schreibt dann eben auch einen Song, wenn man halt unbedingt einen braucht. Und meistens kommen dabei auch gute Sachen heraus. Aber wenn man das oft macht, sich solche „für-sich-selber-Auftragswerke“ schreibt, dann fängt man an, das so ein bisschen automatisiert zu schreiben. Mit jedem Song wachsen die Mechanismen, wie man Songs schreibt und dann werden das halt Songs, die möglicherweise auch sehr gut sind, die aber eigentlich nicht so richtig Seele haben. Ich habe für mich gemerkt, dass man sich beim Songschreiben auch mal Zeit lassen kann. Wenn ich das Gefühl habe, jetzt dreh ich mich im Kreis bzw. ich steh vor einer Wand und komme nicht drüber, dann kann ich den Song einfach weglegen und in ein paar Wochen nochmal „auspacken“, um ihn weiterzuschreiben.

13. Was war der erste Song den du fürs neue Album geschrieben hast?

Der erste Song, den ich für das Album geschrieben habe, ist gar nicht auf dem Album – also nicht in der Form auf dem Album. Der Song hieß „Erst der Anfang“. Das war so ganz klassisch: wochenlang drüber nachgedacht, wie das klingen und wo das hingehen soll, die eigenen Ansprüche festgelegt, geschaut, wie das so textlich alles werden soll und dann hab ich mich hingesetzt und gedacht, dass ich ja irgendwann auch mal anfangen muss. Und dann hatte ich innerhalb von einer Stunde ein fertiges Lied, das „Erst der Anfang“ hieß. Da ist mir direkt ein Stein vom Herzen gefallen, weil ich gemerkt habe, dass es funktioniert, so wie ich mir das vorgestellt habe. Als wir den dann aufgenommen haben, habe ich gemerkt, das ist ein richtig guter Song, um ein Album anzufangen, aber es ist ein Song, den ich einzeln nicht brauche, der sagt eben nur, dass das Album jetzt anfängt, transportiert für mich aber keine Emotion. Und ich wollte nur Songs auf dem Album haben, die irgendeine Emotion transportieren, die einzelbetrachtet wichtig sind und nicht nur für das Album wichtig sind. Das Witzige ist aber, dass während ich den Song schrieb hieß er „Noch nicht das Ende“, dann hab ich ihn zu „Erst der Anfang“ umbenannt, damit er der erste Song sein kann und während der ganzen Album-Produktion habe ich mir dann gedacht „Ich brauch noch einen Song.“ Und dann fiel mir der Refrain wieder ein, weil ich den sehr gut fand „Das ist nicht das Ende, nein, das Ende ist es nicht.“. Und jetzt ist der in einer völlig anderen Version doch noch auf dem Album gelandet.

14. „Immer Noch Mensch“ ist der Titel des neuen Albums. Was steckt dahinter?

Das Album heißt „Immer Noch Mensch“. Und es ist ausnahmsweise nicht so, dass ich mir das vor dem Schreiben der Songs überlegt habe. Da war für mich nur das grobe Thema klar, es musste sich ums „Nachhause-Kommen“ drehen – also nicht um das „Ankommen“, sondern um das „An-den-Ort-zurückkommen“, an dem man sich zuhause fühlt. Während ich dann die ersten Songs geschrieben habe und wir angefangen haben, die aufzunehmen, hab ich mich gefragt „Wenn mich jetzt jemand fragen würde, worum es denn eigentlich geht in dem Album – was würde ich darauf antworten?“. Dann habe ich überlegt, bin die Songs durchgegangen: was sagen die eigentlich? Und da fiel mir dann auf, dass es ums „Menschsein“ geht. Nicht um große Themen, wie die Menschheit, sondern um das kleine Menschsein. Um die Fragen: Wie definiert man sich selbst? Wie gehe ich mit Sachen um? Wie stehe ich zur Welt? Wie geht die Welt mit mir um? Es ging mir immer um das kleine, kleine Menschsein.

15. Du hast bewusst selbst produziert, dir sogar ein Studio bei dir zuhause gebaut, warum?

Ich habe eigentlich bei mir zuhause ein Studio eingerichtet, nur um da Song zu schreiben und Demos zu machen und hatte die grobe Idee, dass es ja auch ganz schön wäre, den Gesang auch zuhause zu machen. Wenn man in der Nacht um drei singen / was aufnehmen möchte, macht man das halt mal schnell. Dann ist aber so beim Produzenten-Suchen und beim genaueren Drüber-Nachdenken irgendwann dieses „Selbstmach-Ding“ entstanden. Das fing damit an, dass ich die Fotos selber machen wollte. Das ist dann intimer und näher dran. Und dadurch ist dann auch entstanden, das zuhause wirklich aufzunehmen, weil ich dachte, dann bekommt das so eine einheitliche Atmosphäre. Und es hat den Vorteil, dass ich nicht immer irgendwo anders hinfahren muss – spart einfach auch Zeit. Man muss nicht abends noch nach Hause fahren und im Studio überlegen „Mach ich das jetzt noch? Eigentlich muss ich ja nach Hause.“ Dann hab ich ganz klassisch einen Produzenten gesucht. Man guckt sich um, wer zu einem passen würde. Irgendwann kam mir dann die Idee „Warum mach ich das nicht eigentlich selbst?“ Ich brauche jemanden, der für mich den Ton macht, aber nicht jemanden, der inhaltlich Sachen entscheidet. Das wäre zwar eine Hilfe, würde mir Arbeit abnehmen, aber am Ende des Tages ist das eine Übersetzung von meiner Idee. Und wenn ich will, dass es nah an dem dran ist, was ich mir vorstelle, was halt total schwer zu verbalisieren ist, dann mach ich das einfach selbst. Das klingt jetzt so, als hätte ich das einfach so entschieden. Aber ich habe über zwei Wochen lang nachts im Bett gelegen und drüber nachgedacht, ob man das nicht ein unsinniges Risiko ist, das so zu machen, weil ich das noch nicht gemacht habe und keine Ahnung hab, ob ich das kann. Wenn, wie bei den letzten beiden Alben, neben einem der Produzent sitzt, versuch ich mich schon einzubringen, aber wenn man es allein macht, kann man nicht wen anders fragen „Ist das jetzt gut oder nicht?“. Ich habe mich dann aber von anderen bestärken lassen und irgendwann war klar „Na klar machen wir das alleine“.

16. Als Produzent hast du ja bereits Erfahrungen sammeln können als du mit Cassandra Steen gearbeitet hast...wie ist es sich selbst als Chef zu haben?

Eigentlich bin ich ja nicht mein eigener Chef gewesen, sondern nur der Chef der Produktion. Ich habe ja auch nicht so da gesessen und gesagt „Hier, mach mal das und das und das...“. Es ist ja eher so ein „Zusammen-Mach-Ding“. Die Musiker kannte ich fast alle, weil die aus meiner Band sind. Und wir haben uns vorher auch schon zusammengesetzt und gesagt, wie wir es machen wollen. Und ich hab gesagt „Nicht ich sage, wie wir das machen, sondern wir erarbeiten uns das zusammen und ihr bietet mir was an und wir können etwas daraus erarbeiten.“ Das war ein Zusammenarbeitungs-Prozess. Ich habe am Ende gesagt, was wir final nehmen – das ist dann aber auch der kleinste Teil der Arbeit, die man an so einem Song hat.

17. Wie kritisch bist du zu dir selbst?

Ich bin sehr kritisch mir selbst gegenüber. Es würde schneller gehen, wenn ich das nicht wäre. Wenn ich eine Sache höre, die wir gerade aufgenommen haben und ich hab das Gefühl, dass das noch nicht da ist, was dort hin muss, dann muss man das halt nochmal machen. Das ist auch ein Luxus, die Zeit zu haben, das zu machen. Oft ist es so, dass man zwei-drei Monate Zeit hat, das Album aufzunehmen. Dann kann man es einfach nicht nochmal oder anders machen, weil einfach keine Zeit mehr ist. Man hat Abgabetermine und dann hat man halt Pech. Dieses Mal war von vorherein klar, dass ich erst über Veröffentlichungsdatum sprechen will, wenn das Album fertig ist oder ich absehen kann, dass es bis zu einem gewissen Zeitpunkt ganz entspannt fertig wird. Und nicht, um alles irgendwie fünfmal umzudrehen und zehntausend Sachen zu probieren, sondern einfach, wenn ich feststelle, das können wir besser machen, das dann eben besser zu machen.

18. Was war die größte Herausforderung beim Produzieren von „Immer Noch Mensch“

Die größte Herausforderung ist die Verantwortung. Zum einen die Verantwortung, dass man alleine entscheidet und man niemanden hat, der einem von der Seite her sagen kann „ich sehe das aber so und so“. Da gab es natürlich Leute wie Nico Berthold, der mein Engineer war, der hat das sensationell gemacht und hat sich natürlich auch inhaltlich eingebracht. Trotzdem ist dann am Ende die Verantwortung bei einem selbst. Aber was das eigentlich gemacht hat – aber jetzt nicht unangenehm schwierig, aber eben auch wirklich anstrengend gemacht hat – ist, dass man am Ende fast eine Dreifachbelastung hat und das Hirn einfach nie leer ist. Ich habe ein halbes Jahr jeden Tag über irgendeine Sache nachgedacht und deswegen logischerweise auch nicht geschlafen. Man denkt über das Songwriting nach. Ist das ein guter Text? Hat man genug Songs? Sind die Songs abwechslungsreich genug? Man denkt dann darüber nach, wie das instrumentiert ist. Und dann weiß man eben auch, dass man es irgendwann mal einsingen muss, was dann am Ende eigentlich das Entscheidende ist, denn wenn ich das nicht gut singe, dann ist es zwar toll, dass wir das gut produziert haben, dass es alles toll klingt und alles gute Songs sind, aber dann interessiert es halt niemanden. Und wenn man dann zwischendrin immer denkt „oh, ich muss nochmal einen Song schreiben“, dann ist halt Alarm im Hirn. Aber es ging am Ende gut und ich glaub, man braucht auch so ein bisschen Stress. Wenn das am Ende so ein bezahlter Urlaub ist, dann ist das nicht gut – dann klingen auch die Songs am Ende so. Anfang des Jahres dachte ich, dass wir so 80 Prozent im Kasten haben, dass songmäßig genug gutes Material da ist und wir auch schon viel davon aufgenommen haben. Und dann hab ich das so durch das innere Gericht gezogen und einfach die Hälfte weggestrichen, dann waren am Ende noch so 4-5 Songs übrig – zu einem Zeitpunkt, wo ich eigentlich dachte, das Album wäre schon fast fertig. Das hat dann nochmal schön Druck gemacht – aber dadurch sind dann auch die Songs entstanden, die es jetzt, glaube ich, ausmachen.

19. Im Booklet ist dein Hund Fridolin als Co Produzent angegeben. Wieso?

Fridolin ist eigentlich der Einzige, neben mir, der die ganze Zeit alle Songs kannte. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn er nebenbei einschläft. Ich habe das Gefühl, er hat die ganze Zeit geschlafen. Und deshalb ich das gute Gefühl, dass es in die richtige Richtung geht.

20. Du warst trotzdem nicht allein bei der Produktion der Platte. Wer hat dir geholfen?

Mir war von Anfang an klar, dass ich nur mit Leuten arbeiten wollte, die ich entweder kenne und ein gutes Verhältnis zu ihnen habe. Oder weil es sich um eine besondere Beziehung handelt und klar war, dass ich mit denen auch in den Urlaub fahren würde. Als ich darüber nachgedacht habe, das Album selbst aufzunehmen, war mir klar, dass ich das technisch gar nicht kann. Ich kann nur inhaltlich steuern. Ich brauchte jemanden, der mir hilft, dass es klingt wie es klingen soll. Der das Mikro an die richtige Stelle stellt und die richtigen Rädchen dreht. Dann habe ich mir die gleiche Frage gestellt wie immer, wenn ich an so was rangehe. Kenne ich jemanden? Ich kannte exakt einen Menschen, bei dem das alles zutreffen könnte. Das war Nico Berthold mit dem ich schon bei der Produktion von Cassandra Steens Album „Spiegelbild“ den Gesang aufgenommen hatte. Das war Liebe auf den ersten Blick. Nach zwei Jahren keinen Kontakt habe ich ihm eine SMS geschrieben. Er macht eigentlich gar keine Popmusik mehr und produziert nur noch für den Film. Wir haben uns getroffen und nach zwei Tagen haben wir uns geeinigt. Wir sind auch tatsächlich zusammen in den Urlaub gefahren und am Ende ist er derjenige der dafür verantwortlich dass diese Platte so klingt wie sie klingt...

21. Warum wolltest du keine elektronischen Instrumente und Hilfsmittel, sondern nur echte Instrumente auf der Platte?

Mir war es wichtig, dass alles was man auf dem Album hört handgemacht ist. Das es von einem echten Menschen gespielt wird an einem echten Instrument. Schon allein wenn man Songs erarbeitet, es sollten alle Instrumente in dem Raum stehen und niemand sollte plötzlich die große Klavierbüchse aufmachen mit 10.000 Sounds. Durch das ewige Suchen nach Sounds geht das richtige Musik machen etwas verloren. Für mich war Punkt Eins, dass die Erarbeitung der Songs einfach viel organischer ist. Punkt zwei war das Setzen von Grenzen an den Instrumenten. Es gibt einfach unendliche Möglichkeiten und da muss man irgendwann sagen. Das ist jetzt das Portfolio was ich benutze und damit müssen wir jetzt auskommen. Dann fängt man an kreativ zu werden. Das ist so ein bisschen bei den Wohnzimmerkonzerten entstanden, die wir 2014 und 2015 gemacht haben.

22. Du wolltest dich nicht neu finden, sondern die wichtigen Dinge filtern?

Ich wollte Instrumente und Musik die ich selbst machen kann und mich von Niemandem abhängig macht. Wenn das jetzt ein Elektro-Wahnsinn wäre, müsste ich mir jemanden suchen, der das für mich bastelt, damit ich meinen Song dazu schreiben kann. Das was ich kann ist, mir eine Gitarre zu nehmen oder mich ans Klavier zu setzen und einen Song zu spielen, so gut wie es irgendwie geht. Damit ist klar, dass das erstmal der Kern ist und sich alles andere daran orientiert.

23. Trotzdem bist du ja nicht ganz allein, sondern hast ein großes Team um dich / denen hast du sogar ein ganzes Fotobuch gewidmet / welche Idee steckt da dahinter?

Ich hab am Anfang schon überlegt, dass ich die Making Of Fotos selbst machen wollte. Dann dachte ich es wäre doch cool, wenn ich von jedem einzelnen, der an diesem Album beteiligt ist, ein Foto mache, um diese Personen zu würdigen. Selbst wenn es nur durch mentale Unterstützung ist. Für mich ist es wichtig den Leuten zu zeigen, wie viele Personen an so einem Projekt dranhängen. Das ist einem manchmal selbst nicht bewusst. Ich war überrascht, wie viele es tatsächlich sind. Gefühlt bin ich die Hälfte der Albumproduktion in der Gegend herum gefahren und habe diese Fotos gemacht. Man hat ja auch einen kleinen Lehrauftrag, um den Leuten mal zu zeigen wie viel da dranhängt. Es gibt natürlich auch andere Entwürfe, wie man Musik macht. Auch mit ganz wenigen Leuten und extrem wenig Zeitaufwand aber in meinem Fall sind das wirklich extrem viele Leute, die mit kämpfen dass das irgendwann jemand zu hören bekommt.

24. Fotografieren ist ja mittlerweile ein Hobby von dir geworden...was fasziniert dich und wann hast du damit angefangen.

Ich hab mich immer schon irgendwie mit Fotografie beschäftigt und bin Technik begeistert. Ich hab mir immer mal eine Kamera gekauft und gedacht, jetzt geht’s los – jetzt werde ich großer Fotograf. Ich komme ja auch viel rum und da bietet es sich an auch mal ein schönes Bild zu machen. Das ist mir allerdings nie so richtig gelungen, weil ich nie verstanden habe, was man da alles einstellen kann. In den Werbeversprechen der Kameras sieht es immer so aus als wäre es immer so einfach. Ist es eben nicht! Ich habe mich dann vorm Album intensiver damit beschäftigt und gedacht, wenn ich die Fotos selbst machen will, soll das auch anständig sein. Ich hab mich dann reingelesen und hab probiert wie man das so macht. Ich behaupte immer noch, dass ich keine Ahnung davon habe. Bei jedem hundertsten Bild ist dann mal eins dabei.

25. Was fotografierst du besonders gern?

Also wenn ich jetzt nicht Musik machen würde, dann wäre Portrait Fotograf etwas für mich. Ich finde es super interessant, dass man mit einem Bild besser das Wesen eines Menschen festhalten kann als mit einem Video. Ich finde es spannend genau das aus den Leuten heraus zu kitzeln, dass sie den entsprechenden Blick auflegen, dass man das Gefühl hat in die Seele gucken zu können.

26. Das Album ist dein persönlichstes bis jetzt mit der zentralen Aussage man selbst zu sein und ein bisschen besser auf seine Mitmenschen zu achten / wie schwer ist es man selbst zu sein als Popstar?

Grundsätzlich bin ich sehr mit mir selbst beschäftigt, was keine gute Eigenschaft ist. Das ist auch der Grund warum ich Songs schreibe. Ich denke viel darüber nach, warum Sachen passieren. Warum mache ich Dinge so? Hinterfrage alles und jeden den ganzen Tag. Das macht manchmal schon so einen Tunnel. Es ist nicht so, dass der immer in mich hineingeht aber einer der manchmal schon alles um einen herum übersehen lässt. Das beschäftigt mich natürlich, weil ich viele Menschen um mich herum habe, die ein Auge auf mich haben. Ich erwische mich aber immer wieder dabei wie ich das nicht habe und dagegen ankämpfe. Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich in der Öffentlichkeit stehe. Ich bin halt sehr mit Musik machen beschäftigt, auch wenn ich nicht Musik mache und das macht halt, dass man gerne alles um einen herum vergisst. Natürlich fließt das auch immer in Songs ein, weil ich merke, dass ich mich oft nur mit solchen Sachen beschäftige, wie eben Songs schreiben.

27. Du hast mit „Winter“ ein Thema vom letzten Album aufgegriffen. Jetzt wäre der Track fast nicht auf dem neuen Album gelandet. Warum hast du es doch nicht getan?

Ja, Winter ist irgendwie mein Thema. Grundsätzlich ist das für mich das perfekte Bild, um eine innere Abgestumpftheit darzustellen. Winter eben nicht im Sinne einer schönen Schneelandschaft in den Alpen, sondern eine frostige Kälte – das Gefühl nichts mehr zu fühlen. Das habe ich nur, wenn es richtig kalt ist und ist ein supergutes Bild, wo man das Gefühl hat, dass alles an einem abprallt. Auf dem letzten Album kam die Zeile schon mal vor, die am Ende eine andere Wichtigkeit bekam als eigentlich in den Song hatte. In „Am Seidenen Faden“ war es für mich eigentlich ein Platzhalter. Ich hab den dann aber drin behalten, weil mich alle auf diese Zeile ansprachen. Damals war für mich schon klar, dass ich irgendwann das Lied zur Zeile schreiben musste. Winter ist in einer Phase entstanden, in der ich dachte ich wäre eigentlich fertig mit Songs schreiben fürs Album und dann nochmal angefangen habe weiterzuschreiben. Das war schlimm. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl eines Songschreiberlochs oder einer Schreibblockade. Ich war mit dem Kopf eigentlich schon ganz woanders. Es war genau so ein frostiger Winter, ich saß am Klavier versuchte mich zu motivieren etwas zu schreiben was etwas richtig emotionales transportiert aber kein Liebeslied ist. In genau der kauernden, frierenden, schlechte Laune Haltung habe ich angefangen diesen Song zu schreiben.

28. Keine Maschine ist die erste Single. Worum geht’s?

„Keine Maschine“ ist die erste Single aus mehreren Gründen. Ich finde zum einen, dass der Song inhaltlich total fürs Album spricht zum Thema: Mensch sein. Und ich finde, dass der Track musikalisch auch gleich klar macht in welche Richtung die Platte geht. Es geht darum, dass der Protagonist (in diesem Fall ich) einen Lebenstraum hatte und sich irgendwann in einer Realität wiederfindet, die mit dem eigentlichen Traum nicht mehr viel zu tun hat. So geht es ja vielen Leuten. Ich wollte damals Sänger werden und stand irgendwann auf einem Podium, habe Autos versteigert und hatte eigentlich einen Bürojob. Ich habe 10 Stunden am Tag Leute bequatscht Autos zu kaufen. Ich habe mich oft gefragt, was das eigentlich mit dem zu tun hat, was ich eigentlich machen wollte? Der junge Mann in diesem Song (möglicherweise ich) stellt das fest und entscheidet sich aus diesen festen Strukturen auszubrechen zu wollen, um sich diesem Lebenstraum zu widmen.

29. Zum Song „Leichtsinn“

„In Leichtsinn“ geht’s um Gelassenheit. Ich glaube Gelassenheit ist ein ganz wichtiger Faktor, um Erfolg zu haben. Erfolg nicht nur im finanziellen Sinne, wie man das immer gern in unserem Land sieht, sondern auch persönlichen Erfolg. Wenn ich eine Freundin habe und mit ihr zusammenbleiben möchte, kann ich nicht die ganze Zeit Druck machen und alle immer bitterernst zu nehmen. Ich hab das für mich in allen Lebensbereichen festgestellt, eben auch im Beruf. Umso entspannter ich bin, umso mehr ich über Dinge lachen kann, umso weniger ich mir über Dinge einen Kopf mache, umso besser läuft’s. Das ist gar nicht so einfach. Ich mache mir oft tausend Gedanken darüber, wie Sachen schiefgehen können und wie was wohl sein wird. Am Ende weiß man, dass es zu nichts führt, außer zu Stress. Was nicht bedeutet, dass man alles auf die leichte Schulter nehmen muss aber wenn ich bei einem Konzert vor 20.000 Leuten mal den Text vergesse, dann lachen wir halt drüber und weiter geht’s. Das ist aber oft leichter gesagt als getan und es heißt deshalb auch Refrain: „Du kannst das Leben leicht nehmen, auch wenn es das nicht ist. Es ist schon auch schwierig...

30. Zum Song „Immer Noch Mensch“ – wenn man Zeitung liest scheint uns genau das gerade abhanden zu kommen...

„Immer noch Mensch“ ist für mich auch in erster Linie ein Song, der mir selbst sagt, dass ich immer noch im ganzen Trubel ein ganz normaler Typ bin. Der Song verarbeitet aber auch das, was in den letzten Monaten so passiert um uns herum. Ich kann mich erinnern, dass Deutschland nach der Finanzkrise der große Retter war. Und man hat das Gefühl uns geht’s gut, es läuft eigentlich. Dann kommt die große Flüchtlingskrise und alles bricht auseinander. Typen die gerade noch ganz nette Bekannte waren, äußern plötzlich Ansichten, bei denen wir gehofft haben, dass wir das eigentlich hinter uns haben. Das geht ja jetzt durch ganz Europa und ist deutlich näher an uns dran als wir es immer noch wahr haben wollen. Und wenn ich sehe wie Menschen miteinander umgehen, finde ich es Wahnsinn, wie man so tut als wären wir total zivilisiert und hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen. Ein anderes Beispiel ist: in irgendeinem Land werden Hunde umgebracht, dann gehen hier alle auf die Barrikaden. Auf der anderen Seite werden in Deutschland jährlich Millionen von Tiere abgeschlachtet und die Hälfte wird immer weggeworfen. Wenn wir so tun als wären wir total zivilisiert, dann wäre es doch gut auch mal kurz in sich zu gehen und nachzudenken. Wenn ich ein Mensch bin und intelligent bin, dann kann ich auch mal kurz versuchen, mich auch so zu benehmen.

31. Es gibt Musiker, die hören sich ihr Album ab dem Release nie wieder an. Gehörst du auch dazu?

Es ist tatsächlich bei mir so, dass ab dem Tag an dem das Master fertig ist, ich mir das nicht mehr anhöre, solange bis es zufällig mal passiert. Ich hab lustiger weise gerade erst das erste Album gehört. Ich saß im Auto und hab das Handy angeschlossen und dann fing es einfach an loszulaufen. Normalerweise schalte ich das dann aus aber jetzt wo das neue Album fertig ist, habe ich die Platte anders gehört. Es war interessant zu hören, was da eigentlich passiert ist. An die meisten Sachen kann man sich gar nicht mehr erinnern. Es war wirklich lustig, denn die beiden Alben liegen wirklich weit auseinander. Jetzt wird es wieder so. Es ist okay, wenn es irgendwo läuft aber ich mache es nicht bewusst an und lege es zuhause nicht ein, um mal die eigenen Songs zu hören.

32. Beim letzten Album hast du so viele Songs geschrieben, um danach eine ReEdition mit zwölf neuen Songs zu veröffentlichen / Was hast du noch in der Schublade?

Als ich mit dem ersten Album fertig war, hatte ich sofort das Gefühl, das nächste machen zu müssen. Und habe deshalb danach gleich viele Songs geschrieben, die wir auf dem Am Seidenen Faden / Unter die Haut Doppelalbum verwendet haben. Trotzdem hatte ich aber auch genauso viele Songs geschrieben, wie am Ende auch veröffentlicht wurden. Es gibt’s nichts, was weggeworfen wurde. Ich habe für das „Immer Noch Mensch“ –Album so viele Songs wie noch nie geschrieben. Ich schätze mal 25-30 fertige Tracks. Aber immer schon zwischendurch festgestellt, wie sich die Songs auf dem Album anfühlen und danach haben wir dann schon während der Produktion entschieden. Wir haben diesmal also nicht 30 Songs aufgenommen, sondern 12 oder 13.

33. Sind noch Songs übrig?

Es sind tatsächlich keine Songs mehr übrig, zumindest nicht so viele, um damit ein ganzes neues Album zu füllen. Es wäre auch komisch, ich hab es beim zweiten Album ja auch nicht gemacht, weil es so viele Songs gab, sondern weil es unterschiedliche Stile gab. Am Seidenen Faden waren natürlich Instrumente zu hören. Für unter die Haut habe ich ausschließlich elektronische Beats benutzt, um beide Welten gegenüberzustellen. Am Ende war es sehr spannend zu erfahren, dass niemand den Unterschied gehört hat. Das eine echte Musik und das andere komplett am Rechner entstanden. Beides hat natürlich seine Vorteile aber im Moment habe ich Lust auf Musik die echt ist und sich nach richtig Musik machen anfühlt.

34. Kannst du dir Remixe deiner Songs vorstellen?

Also ich kann mir grundsätzlich alles vorstellen, was mit Musik zu tun hat. Ich bin da völlig frei von Einschränkung und Schubladendenken. Man bekommt immer mal Anfragen und hat auch selbst Ideen, was man mit so Songs machen könnte. Da bin ich grundsätzlich für alles offen. Es ist aber immer noch mal eine andere Kiste, ob man jetzt ein Projekt startet, um mit eine besondere Sache zu machen oder ob man sich einfach eingliedert, weil eben alle gerade elektronische Musik machen. Wäre unter Umständen auch schön aber auf der anderen Seite extrem austauschbar, glaube ich.

35. Du warst Juror bei The Voice Kids ...kannst du dir eine TV Zukunft vorstellen oder war das ein einmaliger Ausflug?

Ich bin für alles offen, was mit Musik zu tun hat. Ob das jetzt im Fernsehen ist. Ob das auf einer Bühne ist oder bei einer Hochzeit ist – Hauptsache es hat mit Musik zu tun. Und wenn ich das Gefühl habe, dass mir das Spaß machen würde und sinnvoll ist, dann bin ich gerne dabei.

36. Du hältst dein Privatleben sehr zurück und versuchst dein Zuhause nicht in die Öffentlichkeit zu tragen. Nerven Dich Fragen nach deinem Privatleben?

Ich bin von Beruf Sänger und Musiker. Zum einen ist es mir wichtig auch so wahrgenommen zu werden und zum anderen bin ich kein YOUTUBE oder Reality-Star, wo das, was mich in der Öffentlichkeit ausmacht, mein Privatleben ist. Ich habe gar kein Problem damit, wenn Leute Einblicke in mein Privatleben bekommen und nutze ja auch Snapchat, Instagram oder Facebook. Da sieht man ja schon, was hinter den Kulissen passiert. Ich muss aber nicht die den ganzen Tag durch die Gegend laufen und jedes Detail meines privaten Alltags filmen. Ist eh langweilig und ich glaube nicht, dass es für die Leute einen Mehrwert hat. Andere können das gerne machen aber das ist nicht meins. Ich möchte schon das Gefühl haben, wenn ich nach Hause komme, dass genau das ein nicht öffentlicher Bereich ist.

37. Wie kam es zum Albumtitel?

Ich habe beim Schreiben der Songs und während der Produktion festgestellt, dass es sich inhaltlich irgendwie um das Thema Mensch sein dreht. Wie definiere ich mich selber? Wer definiert mich? Warum definiert man sich überhaupt? Wie gehe ich mit mir und meiner Umwelt um? Nach den vier oder fünf Jahren nachdem ich nur unterwegs war, bin ich nach Hause gekommen und hatte das Gefühl wieder bei null anzufangen. Du sitzt wieder vorm leeren Blatt Papier und hast eigentlich nix geschafft und nichts geleistet. Wenn das jetzt nichts wird, dann geht halt nix mehr. Für mich ist das auch so ein Titel, der für mich heißt, dass ich alles auf null stellen kann und einfach wieder Mensch bin. Dann gucken wir mal wie es weitergeht.

Zusatz: Track by Track


38. Über „Keine Maschine“

„In Keine Maschine“ geht’s ums Thema Lebenstraum. Man hat als junger Mensch ein Bild von sich und man malt sich aus, was man in der Zukunft so machen wird. Dann vergehen gefühlt drei Minuten und plötzlich findet man sich in der Realität wieder, die überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was man sich früher erträumt hatte. Meistens ist man in der Vorstellung total frei und geht seinen Träumen nach und macht das was einem Spaß macht. In der Realität sitzt man in einem Büro, eingeklemmt in schlimmen Strukturen aus denen man nicht ausbrechen kann. Man macht dann eine Sache die einen nicht erfüllt. Der Song ruft ein bisschen dazu auf, darüber nochmal nachzudenken und alles nochmal in Frage zu stellen. Und der Protagonist in den Song beschließt das eben nochmal zu probieren.

39. Über „Leichtsinn“

„In Leichtsinn“ geht’s darum, dass ich festgestellt habe, dass Gelassenheit der Schlüssel zum Erfolg ist. Ob auf beruflicher Ebene oder privat. Wenn man möchte, dass eine Sache gut funktioniert, dann hilft es auf jeden Fall sich selbst zu sagen: Mach dich nicht so einen Kopf! Ich bin super gut darin, dass wenn eine wichtige Sache ansteht, tagelang über nichts anderes nachzudenken als was alles schief gehen könnte. Wenn alles auch sonst funktioniert hat...Dieses eine Mal könnte es schiefgehen. Ich versuche mich dann selbst zu beruhigen und da ich mir das so oft sage, dass schon alles gut wird, war es an der Zeit dieses Thema in ein Lied zu packen.

40. Über „Beste Version“

In „Beste Version“ geht es um eine klassische Beziehung. Man lernt sich kennen und stellt fest, dass der andere sich von einem selbst sehr unterscheidet und genau diese Unterschiede auch die Anziehung ausmachen. Dann fängt man während der Beziehung an sich anzugleichen und man passt sich selbst an und verlangt vom anderen so wie ich zu sein. Umso mehr man sich anpasst, umso schlimmer wird’s am Ende. Es funktioniert halt nicht und darüber entstehen immer wieder Streits und Probleme. Der Protagonist (möglicherweise ich) stellt fest, dass alles so keinen Sinn macht. Lass uns einfach beide so sein, wie wir mal waren. Vielleicht haben wir dann eine Chance. Ich war ja schon die Version, die du eigentlich wolltest.

41. Über „Reparieren“

In „Reparieren“ geht’s um eine Beziehung, in der beide einfach gemerkt haben, dass sie Fehler gemacht haben bis zum Mond und beide sich die Frage stellen, was sie eigentlich noch zusammen hält. Der Protagonist im Song (möglicherweise ich), hat noch eine Resthoffnung, dass sie die Krise genau wie die anderen zehn davor auch überstehen, wenn sie sich jetzt ranhalten.

42. Über „Hinter dem Meer“

In „Hinter dem Meer“ geht es um jemanden der einfach in einem Alltag gefangen ist, der ihm über den Kopf wächst und einfach das wahnsinnig macht, was gerade um ihn herum passiert. In meinem Falle: als ich noch in der Schule war und mir etwas nicht gefallen hat, dann habe ich mir immer einen Happy Place ausgedacht. Sich abends ins Bett legen und an einen Ort denken, den man sich eben so baut, wie man ihn sich eben vorstellt. Der Song versucht das eben so ein bisschen darzustellen. Einen Ort, der möglicherweise hinter dem Meer ist, wo man sich hindenkt und das Gefühlt bekommt, dass alles eigentlich gut ist. Mach dich nicht verrückt.

43. Über „Wie wir sind“

Bei „Wie wir sind“ ist das Thema: Wie definiere ich mich selbst. Wer definiert mich und warum definiere ich mich überhaupt? Heute ist es so, wenn ich ein Foto im Netz poste und viele das liken bin ich ein guter Typ, passiert das nicht, bin ich eben nicht so ein guter Typ. Von außen wird eben immer mehr festgelegt, wie ich mich selber finden darf und das ist bescheuert. Ich hab das versucht in ein Lied zu packen und durch Fragen zu thematisieren. Das was mich komisch macht ist, dass ich alles was ich mache und jeden den ich kenne in Frage stelle und komische Fragen stelle. Die Frage: Wie wir sind ist eine Frage die ich mir ernsthaft gestellt habe und auch die Antwort mittlerweile kenne. Ich habe im Song versucht auch meine Eigenart so ein bisschen darzustellen. Komische Fragen stellen und auch die Antwort wissen wollen. Das wird von dem ein oder anderen belächelt aber so bin ich nun mal. Vielleicht ist das komische an mir gerade gut und das was mich ausmacht und genau das macht, dass andere mögen könnten.

44. Über „Sternenstaub“

In „Sternenstaub“ geht es um eine Trennung. Es ist dabei egal, ob es eine Beziehung oder eine Freundschaft ist. Es ist vorbei und er Protagonist (möglicherweise ich) stellt ein bisschen in Frage, ob es tatsächlich Gründe gibt für die Trennung oder ob es nicht vielleicht einfach der Drang nach etwas neuem ist. Wenn man das Gefühl hat, dass es nicht mehr passt, sucht man ja gerne nach Gründen, warum sich die Wege trennen sollten. Man will stichhaltige Argumente sammeln dafür sammeln, warum man sich trennen sollte. Es wäre die ehrlichere Antwort zu sagen, ich habe einfach Bock auf etwas Neues. Das ist so oft der eigentliche Grund und alles andere wird einfach an den Haaren herbeigezogen.

45. Über „Nicht das Ende“

Bei „Nicht das Ende“ habe ich selbst mehrere Varianten, was das bedeuten könnte. Eigentlich geht’s um Ausreden finden. Der Song kommt auf dem Album nach Winter und bezieht sich auch ein wenig darauf, weil er sagt, dass es eine Ausrede ist sich zu verkapseln. Ich fühle nichts mehr, macht mal euer Ding ist eigentlich eine Ausrede. Das Leben geht weiter und du versuchst dich nur davon abzuhalten, den nächsten Schritt zu machen. Ich hab zum anderen aber auch versucht, die aktuelle Situation dieser Welt im Großen auf dem Punkt zu bringen. Ich habe auch da das Gefühl, dass sie übersät ist von Ausreden. Ob das jetzt Selbstmordattentäter sind oder Politiker. Was auch immer. Man hat immer das Gefühl, dass alles auf Ausreden aufbaut. Jeder sagt: Ich mach das deswegen und deswegen...Es werden Dinge vorgeschoben. Ich glaube nicht, dass jemand der in einen Club läuft und 50 Menschen erschießt glaubt es tun zu müssen, weil er dann in den Himmel kommt. Da werden Aggressionen in Ausreden verpackt. Das ist schlimm und beschäftigt mich logischerweise und deshalb musste ein Lied her, was sagt. Nein! Auch wenn du glaubst, dass alles Scheisse ist, musst du nicht in einen Club laufen und Menschen erschießen. Das musst du nicht!!

46. Über „Warum ich Lieder singe“

Warum ich Lieder singe beschäftigt sich mit einem Thema, das zunächst banal klingt. Als ich mich dazu entschieden habe, dass das jetzt mein Beruf ist, gab es für mich immer die Frage: Warum mache ich das? Mach ich das, weil ich es toll finde, wenn Menschen klatschen, wenn ich auf einer Bühne stehe oder mache ich das weil ich denke, dass es meine Berufung ist, Musiker zu sein. Weil mich alles erfüllt, was damit zu tun hat. Die Frage habe ich mir vor allem in den letzten Jahren, wo ich das als Beruf machen darf gestellt. Ich mache das aus einer inneren Passion heraus. Wenn ich keine Musik machen kann, kann man mich zu nichts gebrauchen. Genau das wollte ich mal in einen Song packen, dass ich es eben nicht mache, um 25 Häuser in 25 verschiedenen Ländern zu haben. Wenn das passiert cool aber das ist nicht die innere Motivation das zu machen. Das darf es auch nicht sein, weil es sonst keine Seele hat und die darf es gerne haben.

Quelle: COLUMBIA

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