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Tim Bendzko: Immer noch Mensch (Album am 01.10.2016)„Für das erste Album hat man sein ganzes Leben, für das Zweite nur ein paar Monate“, so lautet eine Binsenweisheit in der Musikbranche. Für das dritte Album eines Künstlers gibt es solch einen Spruch interessanterweise nicht. Es wird allerdings spannend, wenn ein Künstler zum neuen Album ankündigt, dass er diesmal noch mehr „selber gemacht“ hat. Tim Bendzko’s drittes Album heißt „Immer noch Mensch“, ...

und er hat es selber gemacht. In der Rolle des Songschreibers, des Produzenten, des Fotografen – und mit erfrischender, selbstbestimmter Unbefangenheit: „Ich habe mich immer wieder gefragt: wie würde ich das machen, wenn ich keine Ahnung davon hätte, wie man das üblicherweise tun würde?“.

„Mehr“ gemacht hat Tim Bendzko auf diesem Album auch dadurch, dass er bewusst und gezielt den Weg des „Weglassens“ gewählt hat: „Viele Künstler sprechen davon, sich selbst zu suchen und immer wieder „neu“ zu erfinden. Das fühlt sich für mich irgendwie komisch an... hat es nicht mehr Sinn, das, was schon da ist, klarer zu sehen? Für mich geht es vielmehr um das immer feinere Herausarbeiten des eigenen Kerns. Wenn ich Musik mache, möchte ich jedes Mal ein Stück näher an diesen musikalischen Kern herankommen.“

Komm, wir machen reinen Tisch! - Warum ich Lieder singe

Musikalisch bedeutet das eine bewusste Reduktion. Jeder Ton auf „Immer noch Mensch“ ist handgemacht. Die programmierten Beats weichen auf diesem Album dem eingespielten Schlagzeug, Keyboards weichen dem Klavier. Die Soundwelt entsteht nicht durch viele Schichten von elektronischen Klangteppichen, sondern durch das direkte Zusammenspiel von echten Instrumenten. Per Hand eingespielt, intimer, persönlicher und dadurch viel unmittelbarer. Selbst das Meeresrauschen auf „Hinter dem Meer“ ist eigens für den Song aufgenommen.

Auch textlich gibt es eine hör- und spürbare Essenzierung: Tim Bendzko spricht klare Worte, anders kann man es nicht sagen. Auch auf dieser Ebene wird „Immer noch Mensch“ zum greifbarsten und berührbarsten Album seiner Kariere.

Für einen kurzen Moment ein paar Schritte zurück: es ist 2013, nach dem großen Erfolg seines Debutalbums „Wenn Worte meine Sprache wären“ (über 600.000 Einheiten) erscheint mit „Am seidenen Faden“ sein zweites Werk, welches sich 400.000 Mal verkauft. Tim Bendzko geht auf große Tour durch noch größere Hallen, als Auftakt verkauft er zum ersten Mal die Berliner Waldbühne aus. Er ist Coach in der ersten Staffel von „The Voice Kids“, schreibt und co-produziert ein Album für die Sängerin Cassandra Steen, und erweitert gerade mal sechs Monate nach Erstveröffentlichung sein Album um 12 weitere Songs – die "Am seidenen Faden-Unter die Haut" Re-Edition. Tim Bendzko scheint omnipräsent.

Ich will mein Leben selbst gestalten, muss es wenigstens probieren.

Ich brauche die Kontrolle zurück, kann nicht mehr nur funktionieren.

Ich bin doch keine Maschine!

Im Jahr 2014 vollzieht Tim Bendzko eine Besinnung auf den eigenen Kern: er spielt die „Mein Wohnzimmer ist Dein Wohnzimmer“ Konzerte, eine Reihe von Shows in ausgewählten, stimmungsvollen Konzertsälen, mit auf das Wesentliche reduzierter Band. Ohne Samples und Synthesizer, ohne effekthaschende Produktion, stattdessen im direkten Kontakt zum Publikum. Die Lieder- Stimmung, die Arrangements, der Sound der Lieder – alles ein Stück näher an der Welt, in der sie eigentlich entstanden sind: im Kleinen, im Nahbaren, mit Gitarre, Klavier, Stimme und Rhythmus. Nach knapp zwei Jahren auf Tour, nach Abschluss der „Wohnzimmer- Konzerte“, mit ihrem Nachklang noch im Ohr, geht Tim Bendzko zurück an einen Ort, an dem er lange nicht mehr wirklich war: nach Hause.

„Zuhause“ ist für den gebürtigen Berliner ein echter, physischer Ort. Ein Haus im Grünen, mit Blick in den Wald. Mit Platz für die Gedanken, Platz für Spaziergänge mit dem Hund, und mit Platz im Keller für Instrumente, ein bisschen Equipment und jede Menge Inspiration. Tim Bendzko schafft sich diesen Raum, um wieder ein Stück näher an das wesentliche, an den eigenen Kern zu kommen. Es ist ein Ort, der „zuhause“ ist für ihn als Mensch sowie für ihn als Musiker, ein Platz an dem die Dinge organisch entstehen und wachsen können. In diesem Zuhause hat er alle Lieder für „Immer noch Mensch“ komponiert, arrangiert, und eingespielt. Und diese Nähe, dieses auf die Essenz reduzierte und Bodenständige, hört man in jedem Song von „Immer noch Mensch“.

Alle Theorien verbrannt. - Immer noch Mensch

Statt den üblichen Weg zu gehen, und die Songs gemeinsam mit einem Produzenten im bis zu den Zähnen aufgerüsteten Studio fertigzustellen, entscheidet er sich auch hier für die Besinnung auf den Kern und die Eigenregie. Er probiert zuerst den klassischen Weg – doch merkt schnell, dass der Vision und der Berührbarkeit der Songs eine intimere, persönlichere Herangehensweise um Längen besser steht. Tim Bendzko verbündet sich mit dem Toningenieur Nico Berthold für technische Unterstützung, gemeinsam statten sie den Keller im Berliner Zuhause mit Aufnahmemöglichkeiten aus, probieren, feilen am passenden Klang. So entsteht der Sound des Albums organisch und mit viel Liebe zum Detail, eingespielt durch Mitglieder von Tim Bendzko’s Band und befreundeten, hochkarätigen Musikern. Dabei steht das Musikmachen an sich im Vordergrund: „Ich wollte nicht, dass die Leute, mit denen ich arbeite, dies primär als „Job“ sehen – für diese Musik, für dieses Album passt das nicht“, sagt Tim Bendzko. Das persönliche Umfeld, das Zuhause, der „Bock auf’s einfach machen“ und die Entscheidung für das, was sich „richtig“ anfühlt - dafür darf, und muss vielleicht, auch alles etwas anders sein als „normal“.

Ich kann keine Regeln mehr sehen. - Ich muss ständig mit dem Kopf durch die Wand.

Zuhause sind auch alle Texte auf „Immer noch Mensch“ entstanden. Auf der Couch, in der Küche, im selbst ausgebauten Studio. Es geht zur Sache und wird sehr konkret. So entsteht zum Beispiel „Winter“, ein kunstvolles Zwischenstück, zuerst als Skizze am alten Klavier in seiner Küche. Fast möchte Tim Bendzko den Song nach einigem Herumprobieren verwerfen, doch er findet Inspiration als er absichtlich Schal und Handschuhe liegen lässt und sich im gefrorenen Berlin der Kälte aussetzt. Das Stück beschreibt bildhaft den inneren Winter, inspirationslos, klamm und in-sich-gefallen. Es ist ein sofort spürbares Gefühl des abgestumpften, beinah an der Grenze zur Resignation. Denn auch das ist menschlich. Tim Bendzko hat kein Interesse daran, sich hinter der einer perfekt polierten „Popstar“ Fassade zu verschanzen. Doch das ist „Nicht das Ende“. „Immer noch Mensch“ versöhnt sich wieder und wieder aufs Neue mit menschlichen Fehlern, Unzulänglichkeiten und Zweifeln. Die Offenheit darüber kehrt sie zur Stärke.

„Keine Maschine“, die erste Single des Albums spricht genau dies an: wir alle tun unser Bestes um in dieser Welt des ständigen Wandels und der stets wachsenden Anforderungen zu manövrieren. Unser persönlicher Lebenstraum gerät dabei viel zu oft aus dem Blickfeld – wir reagieren, statt zu gestalten. In „Keine Maschine“ geht es um den klaren Beschluss, seine Träume nicht weiter hintenanzustellen, sondern sie in Angriff zu nehmen – erneut, beherzt, jetzt!

Brauchst nur ein bisschen Leichtsinn (…)

Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, nimmt Tim Bendzko die Dinge leicht. Er ist ein sympathischer, angenehmer Gesprächspartner, der gern von Ideen und lustigen Situationen erzählt. Kein Gefühl der Fassade oder Verschlossenheit – und wenn manchmal ein kurzes Zögern in seinem Gesichtsausdruck erscheint, dann ist es ein Moment, in dem er mit Bedacht einer Sache auf den Grund gehen möchte. Oder mit Humor. Meist allerdings mit beidem zusammen.

Auch wenn niemand uns versteht: sich zu verstellen hat keinen Sinn (...)

Weil Sich-von-allem-unterscheiden unmöglich ist, kannst Du Dein wahres Ich ruhig zeigen

„Immer noch Mensch“, der Titel verrät es, ist ein sehr direktes, sehr klares Album geworden. Man möchte sagen: ehrlich. Ungeschminkt. Ohne die Absicht etwas zu verbergen. Gleichzeitig voller schöner Melodien, sofort eingängigen Refrains, lebhaften Bildern und persönlichen Notizen. Eine klare, große, mutige Herausarbeitung des eigenen Kerns. Das ist im Pop wirklich nicht selbstverständlich.

Quelle: Columbia

JPC

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