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Sebó - Alles was noch kommt (Album ab dem 29.05.2015)Den Gefühlen Wort und Klang geben; Es steht schon immer eine Kindergitarre in seinem Zimmer. Die Gitarre ist falsch gestimmt. Das hat zur Folge, dass immer ein harmonischer Klang zu hören ist, egal, wo er seine Finger auf...

die Saiten legt und anschlägt. Ein Widerspruch? Überhaupt nicht - manchmal ist die Stimmung zwar falsch, eine Disharmonie aber bewirkt sie nicht unbedingt. Und überhaupt, wer macht die Regeln? Doch dann kommt ihm sein großer Bruder in die Quere, indem er die Gitarre korrekt stimmt und unabsichtlich dafür sorgt, dass der kleinere plötzlich nichts mehr spielen kann. Das Zimmer kann in einem Haus in Bremen verortet werden. Der große Bruder ist Flo Mega und folgerichtig ist Sebó der kleine, der mit „Alles was noch kommt“ soeben eindrucksvoll seine musikalische Visitenkarte abgegeben hat.

Rap und Townships

Das Gitarrespielen wird Sebó jedoch nicht vermiest. „Ich habe danach angefangen, mir das Gitarrespielen in einer ganz eigenen Technik beizubringen“, lacht er inzwischen darüber, „aber ich weiß bis heute nicht, wie die Akkorde benannt werden. Ich spiele alles nach Gehör und so, wie die Finger es hinkriegen.“ Das macht er flink und verdammt gut. Doch flink und scharf ist auch seine Zunge. Auch über mangelnde Körperbeherrschung muss sich Sebó nicht beklagen. So landet er schließlich bei Rap und Breakdance. Twice As Nice nennt sich seine Crew. Irgendwann kreuzt die Lehrerin Anne Schmeckies aus Bremerhaven den Weg der Truppe. Sie ist der festen Überzeugung, dass jeder vom jeweils anderen etwas lernen kann und sie entwickelt das Projekt Each One Teach One. „Alle in der Twice As Nice-Crew wussten um ihre Fähigkeiten, aber genau so heiß waren DJ Phax und ich, Neues zu lernen“, erinnert sich Sebó, „aufgrund von Annes Kontakten und der vielen Projekte, in die sie involviert war, reisten wir auch ein erstes Mal ins Ausland - nach Italien zu einem Antirassismusfestival.“ Wenn Rap-Communities Kontakt zueinander aufnehmen, wird daraus schnell ein großes, aktives Netzwerk. Dabei wächst die Zahl der Netzknoten stetig. „Einer dieser Knoten war plötzlich einer in Kapstadt“, sagt Sebó, „so war es möglich, auch dorthin zu fliegen, eine Tour durch die Townships zu machen und dort gemeinsam mit den Südafrikanern zu performen. Seitdem übt das Reisen eine ganz große Faszination auf mich aus und der kreative Austausch hat für mich höchsten Stellenwert.“

Loggbuch des Lebens

Nach vielen Reisen, die knapp fünf Jahre andauern und nicht nur nach Südafrika, sondern auch nach Indien oder Sibirien führen, trägt Sebó ein Loggbuch des Lebens mit sich. Eins, das vor Geschichten geradezu überbordet. Große Geschichten sind dort genau so zu lesen, wie die kleinen am Rande. Die bewussten und die zufälligen. Tausend Blickwinkel haben sich geöffnet. Und die ganze Vielfalt dieses Lebens ist auf Sebó niedergeprasselt. Und dann ist da noch das Hier und Jetzt. Schließlich ist der Musiker seit sechs Jahren in Hamburg sesshaft. Das Heute wird so zusätzlich vom Vergangenen und Erinnertem überlagert und blickt in die Zukunft. „Deshalb heißt die Platte ja auch ‚Alles was noch kommt’“, lächelt Sebó. Die Reichhaltigkeit und Verschiedenartigkeit der Eindrücke muss er erstmal in den Griff kriegen. „Doch auch dabei ist die Reiseerfahrung hilfreich“, erklärt Sebó, „denn die angesprochenen tausend Blickwinkel zwingen mich gleichzeitig dazu, den Blick für das Wesentliche der Geschichten und der dahinter liegenden Gefühle zu schärfen.“ Sebó kann sich dabei regelrecht festbeißen. Er hat die Fähigkeiten, mit seinem facettenreichen, soulig gefärbten Timbre und den perlenden Gitarrentönen, größten Gefühlen klaren Ausdruck in Wort und Klang zu verleihen. Dabei balanciert er das große Ganze, das gesagt werden muss mit den winzigen Details aufs Feinste aus. Seine Lieder, mit ihren seelentiefen, deutschen Texten, bewegen sich zwischen kontemplativer Versenkung und expressiver Hochspannung. „Ich schreibe immer auf zwei Ebenen gleichzeitig“, reflektiert Sebó den Entstehungsprozess, „auf der des Textes und auf der des Klangs. Beide erzählen die gleiche Geschichte. Doch müssen sie auch losgelöst voneinander funktionieren. Und erst gemeinsam explodieren sie dann, wie eine Feuerwerksbatterie. Schillernd, funkelnd und in hunderten von Farben.“

Der Rapper als Singer/Songwriter

Vom Rappen hat sich Sebó nie wirklich entfernt. Aber er hat dieser künstlerischen Ader eine weitere Facette hinzugefügt und sich zu einem furiosen Singer/Songwriter gemausert. „Meine Stimme hat irgendwann weitaus mehr transportiert, als gerappte Sätze“, bekennt sich Sebó zum Wandel seines künstlerischen Ansatzes, „aber geblieben sind die Haltung des Rap und seine kreativen Möglichkeiten, etwa der Wortwitz, die wuchernde Energie und der Fluss und die Durchschlagskraft des Gesagten. Wenn du mal gerappt hast, bleibt das auch immer ein Teil von dir. Wenn dann mal ein Lied geradezu nach einem Rap-Teil schreit, dann habe ich das drauf und muss mir nicht aufwendig ein Feature an Land ziehen.“ Genau das entfaltet sich bei jedem Stück. Egal, ob es leise Töne anschlägt oder lautere. Die ansteckende und mitreißende Energie ist in jedem Augenblick physisch spürbar. Der Hörer fühlt, wie famos Sebós Klänge in der Lage sind, jeden Raum mit magisch anmutender Atmosphäre randvoll aufzuladen. Wer dazu einen ohren- und augenfälligen Beweis braucht, der möge sich das Video anschauen, als Sebó bei Inas Nacht sein Stück „So Weit So Gut“ nach allen Regeln der Kunst geradezu zelebriert (www.youtube.com/watch?v=8mlr0eHoK9k) und Ina Müller ihm attestiert, dass sie dieses Lied zuhause immer so richtig laut mitgrölt. Und zwar in Schleife. Ein wichtiger Grund für diese Wirkung liegt auch darin, wie Sebó mit seinen Mitmusikern umgeht. Er ist keiner, der im eigenen Saft schmort. „Wenn ich keinen Bock mehr habe, nur mich selber auf der Gitarre zu hören, dann brauche ich Kollegen zum Austausch“, daran lässt Sebó keinen Zweifel, „George Brenner etwa, meinen Produzenten. Oder meine anderen Musiker.“ Sebó weiß einfach zu genau, dass Musik etwas ist, was es zu teilen gilt. Erst mit sich selbst, dann mit anderen Kreativen und zum Schluss mit dem Publikum. Und jedes Mal werden die Stücke mit einem weiteren Quantum Energie aufgeladen. Solange bis die Lieder und Sebó lichterloh brennen. So, wie auf dem Album „Alles was noch kommt.“ 

Sebó - Lied für Lied

1. Lieblingsmensch

„Hinter all’ diesen Zeilen stehen natürlich meine Frau und meine Tochter. Im Lied habe ich daraus eine Person gemacht“, verrät Sebó, „beide sind so wichtig für mich. Zwei Frauen, mit denen ich glücklich bin. Sie sind einfach ein Geschenk und begleiten mich auf meinen Wegen. Nicht umsonst heißt es im Lied ‚und wir blicken zurück/ alles war richtig.’ Sie sind zu einem Teil von mir geworden.“ So ist diese Geschichte bis zum Bersten mit größtem Gefühl aufgeladen.

2. Ich lass’ mich geh’n

Sebó blickt sich um. Lässt den Blick schweifen. In sein Umfeld. Und entdeckt jemanden, der sich komplett gehen lässt. Die Geschichte erzählt von einer Nacht und dem darauf folgenden Tag. Von jemandem, der sich in andere Betten flüchtet und dabei bemerkt, dass er durch diese Art der Betäubung der absoluten Verlorenheit auch nicht entgehen kann. Um die Perspektive zu schärfen übernimmt Sebó die Rolle des Ich-Erzählers ein. „Ich hänge - schon länger in diesem Strudel/und das ist bitter - als ob man Tee zu lang’ ziehen lässt [...] fühl’ mich verprügelt wie’n Boxsack - Heavy Metal wie’n Schrottplatz [...] ich lieg in Trümmern [...] ich hab’ die Kontrolle verloren [...] wie auf ner Eisscholle im Pazifik.“ Durch diese Betrachtungsweise erkennt Sebó, der er in diesen Sumpf, den die handelnde Person als Normalzustand akzeptiert, niemals hineingezogen werden möchte. “Denn genau das ist nicht mein Weg. Ich lasse mich nicht gehen und will mich auch nicht gehen lassen“, sagt Sebó, „ich hingegen tue alles dafür, dass ich frisch bin. Immer.“

3. So leicht (feat. Johannes Oerding)

Wer kennt sie nicht, die Gerüchteküche, das Stadtgespräch, die stille Post? Die Leute zerreißen sich das Maul. Und weil sie am Ende doch nichts zu erzählen haben, denken sie sich etwas aus. Da kommt man schnell mal in die Mangel. Unbegründet. Einfach so. Sebó stellt sich dem mit größter Coolness. „Ich versuche halt über den Dingen zu stehen“ konstatiert er, „auch deshalb, weil ich weiß, es ist nur heiße Luft und die kann mich sicher nicht verbrennen.“ Mit von der Partie ist bei diesem Lied auch Johannes Oerding. Sebó ist stolz darauf, dass der Hamburger Sänger ihm sein erstes offizielles Feature zuteil werden lässt. Johannes Oerding ist halt einer, der den Künstler und seine Arbeit schätzt und nicht nur total heiß auf Namedropping ist. „Mit Johannes Oerding war das übrigens so, ich hatte vor zwei Jahren die Gelegenheit, bei Ina Müller zu spielen. Johannes war auch da. Er sagte, dass es cool sei, was ich mache“, erinnert sich Sebó, „daraufhin sagte ich ihm, wenn er mal einen Supportact für seine Tour sucht, soll er gerne Bescheid sagen. Die Anfrage lies dann auch nicht lange auf sich warten. Nach der Tour 2013 werde ich im kommenden März erneut mit ihm unterwegs sein.“

4. So weit so gut

Seit einiger Zeit ist „So weit so gut“ Sebós heimlicher Hit. Ist bei YouTube und bei iTunes zu finden. Doch da jede Aufnahme nicht mehr ist, als eine Momentaufnahme, entwickeln sich Stücke weiter. Den derzeitigen Stand der Entwicklung spiegelt die Neueinspielung wider. „Es ist ein Sehnsuchts-Lied, dass in die weite Ferne schweift“, erklärt der Sänger, „oft aber ist das Sehnsuchtsobjekt ganz nah. Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, um auch in der unmittelbaren Nähe Unbekanntes zu entdecken. Auch bei einem nahe stehenden Menschen, ist immer noch so viel Unentdecktes zu finden.“

5. Meine Wirklichkeit

„Mensch, ist doch kinderleicht“, ein Spruch, den jeder tausendmal gehört hat. Dann steht man vor der Aufgabe, die alsdann hochhaushoch daher kommt. Der Satz ‚ist doch kinderleicht’, geht für mich gar nicht“, ereifert sich Sebó, „jede Aufgabe, die vor einem steht, will adäquat gelöst werden. Was bittschön ist daran kinderleicht. Und warum heißt es, man wächst mit den Aufgaben, wenn alles kinderleicht ist.“ Hat man das erst einmal kapiert, dann kann man, wie im Lied, lauthals ausrufen: „Lasst sie nur kommen die ganzen neuen Aufgaben.“

6. Ich will nichts zurück

Sebó skizziert hier eine Situation, die wohl auch jeder kennt. Man wird um einen Gefallen gebeten. Den tut man natürlich gern. Doch dann werden es mehr. Man wird um den Finger gewickelt. Und es werden noch mehr. „Es gibt einfach Leute, die extrem viel saugen. Dann wird aus einem Gefallen eine Routineangelegenheit“, gibt Sebó zu Protokoll, „und man kommt nicht mehr zu seinen eigenen Sachen. Obwohl ich irgendwann auf mich schauen und meine Kunst retten muss, will ich für meine Gefallen dennoch nichts zurück.

7. Kein Grund

Warum bloß gerät das Negative immer als erstes in den Fokus? Nörgler, Jammerer Streithähne allerorten. „Wenn ich ehrlich bin, bin ich auch einer von ihnen. Ich habe dieses Stück geschrieben, um mich selbst immer wieder daran zu erinnern, wie wichtig es ist, nicht dauernd auf die Unterschiede zu schauen“, schlägt Sebó vor, „sollten wir nicht lieber auf die Gemeinsamkeiten achten, davon gibt es mehr als genug!“

8. Meine Farbe

„Bist Du Hawaii bin ich Antarktis/meine Farbe ist Grau/und deine ist Blau/du glaubst das passt nicht?“ Gibt es nicht auch die alte Überlegung, dass Gegensätze sich wohl auch anziehen könnten? Wie ein Magnet das Eisen? „Wenn man die unterschiedlichen Farben in einen Raum wirft und Licht darauf fällt, strahlen alle Farben - auch die vermeintlich gegensätzlichen. Ist das nicht wunderbar?“

9. Ohne Antrieb

„Stillstand ist der Tod“, das wusste bereits der Schriftsteller Max Frisch. „Nur in meinen Gedanken bin ich schon ganz weit“, heißt es im Stück „Ohne Antrieb.“ Doch im Handeln ist Stagnation. Stillstand. Nullbewegung. „Aus dieser Nummer kommt man ganz einfach raus. Man muss die Lösung nur sehen. Das in Gedanken bereits Erreichte, muss Wirklichkeit werden. Das ist der Ratschlag von den Obercoolen“, weiß Sebó, „für mich hingegen ist es nicht ganz so einfach aus dieser Zwickmühle herauszukommen. Das bloße Sehen der Lösung alleine macht mich manchmal noch verrückter. Wenn ich etwas ändern möchte, bedarf das sehr viel Kraft, Mut und Selbstvertrauen. Darüber aber verfügt man nicht immer und überall.“

10. Wie ein Boot ohne Ruder

Dieses Stück versprüht Euphorie pur. Und das in einer Überdosis. Kein Wunder, handelt es doch von der Zeit kurz nach der Geburt von Sebós Tochter. Hier regiert der Überschwang der Gefühle. „Wie ein Boot ohne Ruder/ein Segler ohne Wind/das Meer ohne Wasser/das wäre ich ohne dich.“ Wieder ein deutlicher Beweis dafür, dass ein Stück eine Momentaufnahme ist, ein Polaroid des Lebens ist. „Das würde ich heute so nicht mehr formulieren und doch, welche Aussage trüge mehr Kraft in sich, als die Aussage, dass ich mich mit meiner Tochter verbunden fühle?“ blickt Sebó auf das Lied, „es ist der Augenblick, der genauso war. Der ist jetzt im Stück eingeschlossen, wie die Fliege im Bernstein. ’Wie ein Boot ohne Ruder/ein Segler ohne Wind/das Meer ohne Wasser/das wäre ich ohne dich.“ Wieder ein deutlicher Beweis dafür, dass ein Stück eine Momentaufnahme ist, ein Polaroid des prallen Lebens.

11. Mein Herz

Das Zerbrechen der Liebe zwischen zwei Menschen ist immer ein harter Schritt. Meist mit massiven Verletzungen. „Im Stück ‚Mein Herz’ geht es um eine solche vergangene Beziehung. Und um eine kurze Begegnung danach. Nach langer Zeit“, sinniert Sebó, „die Wut, die Verzweiflung und der Schmerz der Trennung liegt längst hinter mir. Der gegenseitige Respekt, die Dankbarkeit für das gemeinsame Kapitel Leben haben ihren Platz eingenommen.“ Es gab kein Happy End - aber es ist inzwischen Raum für die wundervolle Erkenntnis, dass keiner der Beiden versucht, sich die gemeinsame Zeit aus dem Gedächtnis zu schneiden.

12. Das Geldstück

Sebó verschweigt auch die misslichen Lagen eines Musikers nicht. Etwa den Moment, an dem er finanziell am Limit ist, „an dem ich keine meiner Rechnungen bezahlen kann/mein Telefon ist abgestellt also kann ich leider nur die Anrufer empfangen. „Und doch muss ich mich locker machen. Eine gesunde Gleichgültigkeit entwickeln, die man braucht, um kreativ weitermachen zu können. Denn das Positive soll oben und die Hauptenergie meiner Stücke bleiben.

13. Weit weg

Auch im Stück „Weit weg“ widmet sich Sebó nicht den Grautönen, dafür aber mit der ganzen macht seiner Poesie den prallen Farben. Es ist eine weitere Beziehungsgeschichte. „Sie huldigt der alten Weisheit, dass man sich manchmal ganz schön weit von einer Person entfernen muss, um klar zu sehen“, gibt er zu Bedenken, „um zu sehen, wie nah mir diese Person steht. Oft streitet man sich genau mit den Leuten, die man am liebsten hat. Und die man eigentlich auf keinen Fall verlieren möchte.“

Quelle: Palm Boat Music (Franz X.A. Zipperer)

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