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OK KID: Sensation (Album 19.10.2018)OK KID haben sich in allen Bereichen in Frage gestellt und vieles verändert. Mit dem neuen, am 19. Oktober 2018 erscheinenden Album „Sensation“ gelang der Band ein klares politisches Statement und ein hemmungsloses Bekenntnis zum Pop. >>

Im Herbst gehen die Kölner mit „Sensation“ auf ihre bislang größte Tour.

Eine Sensation ist laut Duden unter anderem „ein aufsehenerregendes, unerwartetes Ereignis, eine außergewöhnliche Leistung oder Darbietung“. Das alles trifft auf das ebenso betitelte dritte OK-KID-Album zu: „Sensation“ ist tatsächlich eine Sensation, weil man deutlich spürt und hört, dass die Kölner Band sich radikal in Frage gestellt – und im Ergebnis das dichteste und mitreißendste Album ihrer bisherigen Karriere aufgenommen hat. Und natürlich ist der Titel keine hohle Prahlerei. Er ist der Zeit, in der wir leben, geschuldet: „Sensation“ ist ein hochpolitisches Album.

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Es geht um die Sensationsgier einer boulevardisierten Gesellschaft, in der die Schattierungen zwischen schwarz und weiß wegzubrechen drohen. Insofern ist „Sensation“ zu gleichen Zeilen Medien- und Gesellschaftskritik. Es geht um die Selbstinszenierung in den Sozialen Medien, um Konsumwahn, Aufmerksamkeitsterror und die Frage, was es für eine Gesellschaft bedeutet, wenn sie nur noch von dem Wunsch nach Sensationen getrieben zu sein scheint.

Die musikalische Formel, derer sich OK KID zur Vermittlung dieser Inhalte bedienen, ist die denkbar klügste: strahlender, mitreißender, hemmungsloser Pop. Songs wie das vorab veröffentlichte „Warten auf den starken Mann“ oder die neue Single „Lügenhits“ sind ein euphorisches Bekenntnis zur Popmusik und präsentieren zugleich die haltungsstärksten OK KID aller Zeiten – ein bewusstes Spiel mit den musikalischen Mitteln der Zuspitzung und Übertreibung, eine Sensation eben.

Die Formel geht auf, weil Engagement bei OK KID keinem Kalkül entspringt, sondern dem Wunsch nach Veränderung. So war das schon 2006, als sie die Band zunächst noch unter dem Namen Jona:S gegründet haben: Der Rapper und Sänger Jonas Schubert hatte den Schlagzeuger und Gitarristen Raffael Kühle ursprünglich in einem Hip-Hop-Workshop kennengelernt, der in einer sozial problematischen Gegend der Gießener Weststadt stattfand.

Auch wenn OK KID inzwischen in Köln leben und der Keyboarder Moritz Rech nicht aus Gießen kommt, ist die Stadt für die Band bis heute ihre Heimat geblieben, der sie sich verpflichtet fühlen. So unterstützen die Musiker aktiv Strukturen vor Ort und fördern die lokale HipHop-Kultur. Diesem Geist folgt nicht zuletzt ihr 2018 zum ersten Mal ausgerichtetes Festival „Stadt ohne Meer“, für das OK KID Acts wie Faber, Trettmann oder Megaloh in Gießen begrüßen konnten.

Die Basis all dieser Aktivitäten ist die große Freundschaft zwischen Jonas Schubert, Moritz Rech und Raffael Kühle. Dabei sind sie auf den ersten Blick durchaus unterschiedlich: Schubert hat früher in Punk-Bands gesungen und später nur noch gerappt. Kühle spielt seit seinem 5. Lebensjahr Schlagzeug, mag amerikanische Rockmusik, aber auch HipHop. Rech hatte in seiner Kindheit klassischen Klavierunterricht, spielte in Indie-Bands, hat aber auch schon Jazz gemacht.

Der Sound ihrer gemeinsamen Band bildet eine Schnittmenge all dieser Einflüsse und noch viel mehr ab. Auf dem 2013 erschienenen Debüt „OK KID“ sowie dem folgenden Top-Ten-Album „Zwei“ (2016) reichte die Spannbreite von straightem Rap bis zu einem Hamburger-Schule-artigen Duett mit Frank Spilker von Die Sterne. „Wir stehen schon immer zwischen allen Stühlen“, sagt Moritz, „es fällt den Leuten schwer, uns stilistisch einzuordnen.“ Der Popularität von OK KID tat das keinen Abbruch: Die Band wurde von der „Zeit“ als „Klassensprecher der Generation Y“ bezeichnet und von „1Live“ als „neue Hoffnung“ des deutschen Pop. OK KID spielten auf den größten Festivals, ihre Tourneen waren ausverkauft und fanden in immer größeren Hallen statt.

Ohnehin ist es mit der Einordnung eigentlich ganz einfach. Legt man das britische Verständnis von Pop zugrunde, sind OK KID eben das: eine Pop-Band. Können sie ja nichts für, dass in diesem Land immer noch die meisten Schlager meinen, wenn sie Pop sagen. Der Popbegriff von OK KID meint jedenfalls das Gegenteil der eskapistischen heilen Schlagerwelt. Pop ist bei OK KID Ausdruck eines Lebensgefühls, in dem Neugierde, Veränderungswille, Abenteuerlust und ästhetische Radikalität eine Rolle spielen.

Das Risiko des Scheiterns immer inbegriffen: OK KID hatten bereits längere Zeit an einem möglichen dritten Album gearbeitet, als sie kurz vor Weihnachten 2017 einige Tage zusammen wegfuhren. Jeder von ihnen sollte damals auf einen Zettel schreiben, was er an der Band aktuell mochte und was nicht. Später stand auf allen drei Zetteln: „Ich finde OK KID gerade langweilig.“ Nicht vom internen Erleben her, sondern aus der imaginierten Außenperspektive. Das wollten sie nicht nur ändern, sie mussten.

Also stellten OK KID eine Menge Dinge radikal in Frage: Sie haben sich von ihrem Management getrennt und das Album mit dem Produzenten Tim Tautorat aufgenommen, mit dem sie zuvor noch nicht gearbeitet hatten. Nicht, weil vorher alles schlecht war, sondern „weil wir unsere Komfortzone verlassen wollten“, wie Raffael sagt. Mit diesen Entscheidungen traten OK KID eine Dynamik los, von welcher der Produktions- und Songwriting-Prozess der kommenden Monate enorm profitierte.

Ebenso stand für OK KID ihr Wunsch nach einer deutlichen Haltung fest, die sie auf dem neuen Album vermitteln wollten. Aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in diesem Land war die Band in tiefer Sorge. Der Rechtsruck und die rassistisch motivierten Ereignisse der Jahre 2015/16 motivierten sie, sich die Frage nach dem Warum zu stellen. Also gingen sie nach Freital, jener Gemeinde im ländlichen Sachsen, die nach fremdenfeindlichen Ausschreitungen zu einem Symbol des enormen Rechtsrucks geworden war.

„Wir wollten wissen, woher dieser Hass bei den Leuten kommt“, sagt Jonas. „Es ist wunderschön dort, es gibt keinen offensichtlichen Grund für den Hass.“ Und weil sie also keine Antworten fanden und nicht von außen über anderen urteilen wollten, nahmen sie für den Song „Warten auf den starken Mann“ die Perspektive eines jener sogenannten Wutbürger ein: „Gib mir bitte ein Gefühl, gib mir einfach irgendeins, nur nicht das Gefühl, ein Verlierer zu sein.“

Prägend für „Sensation“ wurde außerdem ein weiterer Kurztrip. Anfang 2018 fuhren die drei Freunde ins brandenburgische Lychen, wo sie zehn Tage lang ohne Internet oder sonstige Ablenkungen auf eine Weise an neuen Songs arbeiteten, wie sie es zuvor noch nie getan hatten. Ein Raum, drei Leute, Instrumente, ein Rechner – statt vorproduzierte Demos hin- und herzuschicken, näherten sich OK KID ihren Themen vom Kern her im Stile einer Jam-Session.

„Wir waren immer eine Band und haben das gelebt, aber so sehr als Band haben wir noch nie zusammen an einem Album gearbeitet“, sagt Jonas, der als Sänger besonders von dieser Herangehensweise profitiert hat: So variabel, melodiös und bei sich und seinen Themen, wie auf „Sensation“, hat man Schubert noch nicht gehört.

Die intimeren Momente dieses Albums mögen auf den ersten Blick von den politischen Themen verdeckt werden, aber in ihnen liegt eine tiefe Kraft. „Sensation“ ist nicht zuletzt die bislang aufrichtigste Platte dieser Band, weil Jonas sich so frei gefühlt hat wie noch nie. Im introspektiven „1996“ erzählt der Sänger mit Tiefe und Dringlichkeit aus der Hölle seiner Teenagerjahre, das humoresk beginnende „Heimatschänke“ verdichtet die Band im weiteren Verlauf zu einem Alkoholiker-Drama, im neblig verhallten „Wut lass nach“ stellt sich Jonas seinen Abgründen.

Die neue und dritte Single „Lügenhits“ ist ein cleveres Spiel mit Zitaten, mit dem OK KID ein hundertprozentiger Hit gelungen ist, den man so schnell nicht wieder vergessen wird. Auch das flächige „Hinterher“ ist ein echter Instant-Hit. Es geht um Reue, die Einsicht, dass man die Uhr nicht zurückdrehen kann. Das melodramatische „Wolke“ verhandelt derweil die Angst vor dem Unbekannten und die vordergründige Albernheit „Pattaya“ beschreibt mit karibischen Beats das tägliche Drama des Sextourismus. So fließt alles zusammen, das Private ist politisch, im Kleinen finden OK KID den großen Zusammenhang – und das ist dann eben Pop im allerbesten Sinne.

„Wir sind die ganze Zeit über nur der Dynamik dieser Musik gefolgt“, sagt Moritz. „Wir müssen die Dinge aussprechen, die uns beschäftigen und wollen eine Haltung transportieren.“

Und diese Aufrichtigkeit spürt man in jeder Note dieses besonderen Albums. „Sensation“ verbindet Intensität und Dringlichkeit auf eine Weise mit überlebensgroßen Pop-Momenten, wie das nur sehr selten gelingt.

Auf der bislang größten OK-KID-Tour in diesem Herbst werden ihnen die Zeilen dieser Lieder aus tausenden Mündern entgegenschallen. Weil sie wahrhaftig sind und man spürt, was OK KID sagen wollen.

Quelle: SMD/ Four Music