Niedeckens BAP - ALLES FLIESST (Album)

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Niedeckens BAP - ALLES FLIESST (Album)Im neuen Album von Wolfgang Niedeckens BAP fließt tatsächlich alles zusammen, was diese Band und ihren Sänger seit Jahrzehnten auszeichnet: Musikalisch. Gedanklich. Biografisch. Was Gesang, Energie und Schaffenskraft betrifft mag Niedecken immer noch als 30-jähriger durchgehen. >>

Seine Texte und Gedanken aber atmen die Lebensklugheit jenes 70-jährigen, der er bald ist, und dessen Blick auf das Leben, die Liebe und unsere Gesellschaft so wach und klar ist wie nie.

ALLES FLIESST ist das mittlerweile 20. Studio-Album von Niedeckens Band. Und aus jedem der 14 Songs spricht die Leichtigkeit, Gelassenheit, das Selbstbewusstsein und die Selbstironie eines Sängers, der längst deutsche Musikgeschichte geschrieben hat, und dessen souveräne Band im deutschsprachigen Raum ihresgleichen sucht. Getreu dem Motto aus „Hauptjewinn“, dem ersten Stück des Albums: „Man muss keinem was beweisen, nicht einmal Florian Silbereisen.“

Warum ALLES FLIESST? Über vierzig Jahre lang zog sich ein Thema durch Niedeckens Texte, ohne dass es ihm bewusst war: Der Lauf der Zeit, die Vergänglichkeit. Oft in Verbindung mit dem Fluss, an dem seine Heimatstadt liegt: dem Rhein. Die titelgebende Zeile findet sich in „Alles zoröck op Ahnfang“: „Un weil alles fließt, kann ’ne Moment su lang wie zweidausend Johr sinn.“ Oder wie es Platon einst ausdrückte: „Alles fließt und nichts bleibt. Es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln.“

Das Album erfasst das Leben in seiner ganzen traurigschönen Fülle. Die großen Gefühle Euphorie, Trauer, Verzagtheit, Glück, Verzweiflung, Liebe, Hoffnung und Wut sind meist nur einen Track voneinander entfernt. Und immer zeigt Niedecken sich als Meister der bittersüßen Melancholie.

Mit seiner Warnung vor den Zerstörern der Demokratie wie den Zerstörern des Planeten präsentieren sich BAP so politisch und engagiert wie es die Fans von der Band gewohnt sind. Niedecken zeigt, dass Kunst kein ästhetischer Selbstzweck ist, dass sie nicht losgelöst von den großen Fragen unserer Zeit ist, zumindest nicht sein sollte. „Ruhe vor dem Sturm“ etwa handelt von rechten Verführern wie Donald Trump und seinen kleinen deutschen Ablegern. Hier ist Niedecken ganz bei Martin Luther King, den er auch zitiert: „Es kommt eine Zeit, in der Schweigen Verrat wird“.

Aber Niedecken singt nicht vom hohen moralischen Ross herab, sondern als Mitfühlender, der auch Verständnis für die Sorgen und Nöte jener aufbringt, die in ihrer Verzweiflung Zuflucht bei Populisten suchen. „Verraten und verkauft“ handelt vom Schicksal eines arbeitslosen Familienvaters, der sich zu Recht abgehängt fühlt.

„Jeisterfahrer“ wiederrum ist ein zorniger Text über eine Kultur, in der nur noch Massenkompatibilität zu zählen scheint –ein feiner Hieb gegen die wuchernden Formatradios, in denen sich fast alles gleich anhört: „Exakt dieselben Beats per Minute, voraussehbare Refrains, harmlose, eunuchenhafte Schlagertexte, als hätte es all die großartigen Bands der 60’er und 70’er Jahre nie gegeben. Musik, die nicht weiter stört“, wie Niedecken sagt. Diesen Vorwurf kann man BAP und ALLES FLIESST weiß Gott nicht machen.

Musikalisch vereint das Album das Beste, für das BAP immer stand: Laute Rocknummern mit kräftigen E-Gitarren wie in „Amelie, ab dofür“ oder „Besser du jehß jetz“. Reggae-Beats mit jauchzende Bläsern wie in „Huh die Jläser, huh die Tasse“ als Ausdruck purer Euphorie und Lebensfreude. Aber auch leise, verzaubernd poetische Balladen und Liebeslieder wie „Wenn am Ende des Tages“ oder „Für den Rest meines Lebens“. Letzteres mit der wundervollen Zeile „Wo vürher noch jrau, plötzlich himmelblau, et Leeve wood heiter.“

Mit „Volle Kraft voraus“ legt Niedecken eine rheinische Variante von „Summer of ´69“ vor, eine Ode an die Unbeschwertheit vergangener Tage, „vogelfrei“ und „pure Energie“, auch wenn sie „nur“ an einem „popeligen Baggersee“ am Kölner Stadtrand gelebt wurden. Es ist eine Reminiszenz an die Euphorie des Anfangs, auch die seiner Band BAP. Und dann enthält das Album noch eine der schönsten Liebeserklärungen, die je ein Vater je an seine Tochter gedichtet hat: „Mittlerweile Josephine“.

„Okay, mer künnt saare: Mach jetzt ens halvlang. Sibbzisch ess e Alter für Golf oder die Parkbank“, singt Niedecken in „Jenau jesaat: Op Odyssee“. Aber das kommt für ihn nicht in Frage. Dem steht Niedeckens bereits besungene „Unruh in der Seel“ im Wege, dieses nie satt sein, dem Schutz vor Bräsigkeit. So singt Niedecken nun über die Alternative der Parkbank: „Mann, dat wöhr dä Horror, denn wie Ronnie, Keith un Bob, will ich leever rocken, bess dä Herrjott säht; „Kumm ropp!“ Eine glückliche Fügung, wie ALLES FLIESST zeigt.

Quelle: UMD/ Vertigo Berlin

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