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Jennifer Rostock: Genau in diesem Ton (Album am 09.09.2016)Spätestens in Zeiten, in denen es bunt durch die weißen Ärmel unserer Versicherungsberater schimmert, sollte klar sein, dass es bei Jennifer Rostock um mehr geht als Tattoos und Metall im Gesicht. Mit 9 Jahren Bandgeschichte, 5 Alben, Live-DVD, Ochsentouren auf’m Buckel und ner Menge Festivaldreck an den Sohlen hat die Band jeden Zweifler an ihrer Existenzberechtigung aus der Umlaufbahn katapultiert. ...

Ihr Weg hat sie über Scheißfrisuren, Kaugummipop-Experimente, über Bühnen jeden Ausmaßes, quer durch die Kneipen ihrer Wahlheimatstadt Berlin an einen durch Renitenz und Selbstbestimmheit geprägten Ort geführt, in dem sie ihre Nische für sich selbst kreiert haben. Jennifer Rostock haben nicht nur was zu sagen, sie tun es auch. Das neue Label, das neue Management, der Sprung ins kalte Wasser und das anschliessende Schütteln, das alles mündet nun in einer Platte, die radikaler nicht sein könnte. Das fünfte Album heisst „Genau in diesem Ton“ und ist ein Musik gewordenes Pamphlet. Ein Plädoyer für den Mut, in sich hineinzuhören, sich auszuprobieren, sich so zu lieben wie man ist, um es dann umso lauter herauszuschreien, („Baukräne“, „I love you, but i’ve chosen Dispo“). Ein Nuklearangriff auf die nimmersatten Nörgler der Nation ("Irgendwas ist immer“). Ein kackender Möwenschwarm über dem Schilderwald aus Verhaltensmustern, Etikettierungen und vermeintlichen No-Gos ("Neider machen Leute").

„Kann man liken, kann man lassen."

Dem überzeugten Huldigen des eigenen Lebenswandels in „Uns gehört die Nacht“ steht der genauso ehrliche Zweifel in „Deiche“ gegenüber. Der Hymne aufs Leben „Wir waren hier“ folgt die bitterböse Abrechnung mit einer völlig aus den Fugen geratenen Gesellschaft: In Songs wie „Hengstin“, „Wir sind alle nicht von hier“ oder „Silikon gegen Sexismus“ verpassen sie allen rassistischen und sexistischen Kleingeistern unserer Spezies eine schmerzhafte Stinkefinger-Akupunktur.
„Es gibt kein Brot für die Welt, wir verschlucken uns am Kuchen. Und solang die Anderen böse sind, gehören wir zu den Guten."

Es ist eben jene explosive Mischung aus einem zutiefst verankerten Humanismus und einem radikalen Exhibitionismus, es ist das Pendeln zwischen rotem Teppich und Punkerschuppen und es ist die seltene Fähigkeit, das Trinkspiel haushoch zu gewinnen und trotzdem am nächsten morgen im Frühstücksfernsehen schlagfertig aus der Hüfte zu schießen, die Jennifer Rostock einzigartig und relevant macht. Allen voran Jennifer Weist, die es geschafft hat zwischen Singen und Shouten, zwischen Bühnensau und BFF, zwischen Tourbus und Talkshowsesseln eine der spannendsten und glaubwürdigsten Stimmen für moderne Emanzipation, für Selbstbestimmtheit und offenes Miteinander zu werden.
"Ich kann mich verkaufen, macht mich das zum Produkt? Wem gehört mein Körper, wenn ihn die Zeitung druckt?"

Genau in diesem Ton. Jeder einzelne Song zelebriert die Lust und den Drang, weiter zu gehen als je zuvor. Diese Kompromisslosigkeit hört man auch im Sound. Man hört eine Band, die es derbe abfeiert zusammenzuspielen, und gerade deshalb entzieht sich die Platte jeglichen Produktionsdogmen oder Genrespielregeln. Alles so wie’s muss, jeder Song dahin, wo er hinwill. Weil sie den Schlagzeugsound auf einem Defeater-Album gefeiert haben, ergoogelten sie sich das Recording Studio, nahmen den Hörer in die Hand und saßen eine Woche später mit Jason Maas zusammen im Studio. Deutschpunk-Produzent Vincent Sorg und Mixingkoryphäe Moritz Enders rundeten den Sound ab: Die Moshpitparts explodieren, die Poprefrains heben ab, und die Experimentierfreude führt bis an unbekannte Ufer.

Jennifer Rostock brettern mal wieder raus, was ihre Welt bedeutet und damit sind sie nicht allein. Offensichtlich...und zum Glück. Um die Band zu lieben muss man halt ein bisschen rausschwimmen aus den seichten Gewässern und sich auf Wellengang einrichten. Aber wenn man ruhig weiteratmet, bleibt man ganz von alleine oben. Lasst die Schwimmflügel zuhause, Habt Vertrauen. Darum geht es. Es lohnt sich.

Quelle: Four Music

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