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Nik P. - Die etwas andere Künstler Biografie

Presnikov der Kosak wollte nicht nach Amerika... Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss. Die Geschichte des Sängers und Liederschreibers Nik P. ist ebenso packend wie menschlich berührend.  >>

Am 6. April 1962 wurde um 0:37 im kärntnerischen Friesach Maria Presnik von ihrem Sohn Nikolaus entbunden. Doch die eigentliche Geschichte des Jungen, welcher 35 Jahre später unter seinem Künstlernamen ‚Nik P.‘ eine veritable Musikerkarriere einschlagen sollte, begann schon viele Jahre zuvor.

Frühjahr 1945. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai endete der zweite Weltkrieg. Das 3. Reich kapitulierte und hinterließ einen zerstörten, verwüsteten Kontinent. Menschliches Leid. Soldatenschicksale. Tod, Zerstörung, Hass, Wut, Trauer, Elend. In den Wirren der ersten Nachkriegstage schlugen sich rund 50.000 russische Kosaken von Oberitalien kommend Richtung Drautal durch. Kosaken. Der Name stammt aus dem Türkischen. ‚Kazak‘, es heißt so viel wie ‚freier Mann‘. Die in Osttirol gestrandeten Kosaken trugen deutsche Uniformen. Es waren in diesen Zeiten die falschen Uniformen, in denen sie steckten.

Sie kämpften während des Krieges in eigenen Wehrmachts-Verbänden auf der Seite der Deutschen und galten den Russen somit als ‚Verräter‘. Und Verräter durften unter Stalin nicht auf Gnade hoffen. Dem Reitervolk war es daher vor allem wichtig, keinesfalls in die Hände der Sowjets zu
fallen, weshalb sie sich den britischen Truppen ergaben und sich auf die Genfer Konvention beriefen. Das Drautal in der Nähe von Lienz (Osttirol) wird zum Lagerplatz für 50.000 Menschen. Männer, Frauen, Kinder. Kosaken, die nur unter der Bedingung in den Krieg zogen, wenn die Familien mitkommen konnten. Das war seit Jahrhunderten schon Tradition.

Es entstand an der Drau eine Kosaken-Stadt. Bewacht von den Briten. Die Wirren und die Kälte der Politik brachten es mit sich, dass die Briten – entgegen anfänglicher Versprechen – ihre vorerst schützende Hand von dem russischen Reitervolk nahmen und dem Druck Stalins nach
Auslieferung der ‚Verräter‘ nachgaben. Unter den gestrandeten 50.000 Heimatlosen war Nikolai Presnikov. Jahrgang 1900. Geboren im Kaukasus.

Presnikov hatte bereits den 1. Weltkrieg er- und den 2. überlebt. Der skeptische Kosake Presnikov vertraute den Briten nur bedingt und sein
Gespür, dass die Dinge oft nicht so laufen wie versprochen, ließ ihn nicht im Stich. Flucht. Verstecken. Rüber in die amerikanische Zone. An der Grenze zwischen Kärnten und Salzburg traf er auf GIs. Es war ein heißer Sommer, als amerikanische Soldaten dem Kosaken Presnikov das Leben retteten. Die meisten seiner Landsleute wurden von den Briten in Bruck an der Mur den Sowjets übergeben. Presnikovs Kriegskameraden und ihre Familien wurden über Moskau nach Sibirien, weiter nach Novosibirsk bis in das Kusnetski-Kohlebecken verbracht. Ans Ende der Welt. Last Exit Beringstraße.

Presnikov hatte Glück. Großes Glück. Die Amerikaner wussten über das dem Kosaken drohende Schicksal Bescheid und boten ihm Quartier. Mehr noch: Es bestand sogar die Aussicht der Ausreise in die Staaten. Ein Visum für die USA! Der Jackpot dieser Tage. Doch Nikolai Presnikov sollte nie die Freiheitsstatue sehen. Er sollte nie an Ellies Island vorbei in den Hafen von New York einfahren. Nikolai Presnikov, jetzt unter dem Schutz der Amerikaner, lernte Maria Baumgartner kennen. Maria aus dem Burgenland. Die Kriegswirren und die aus Ungarn heranrückende Rote Armee hatten sie nach Kärnten verschlagen. Der Kosake mit der ‚Green Card‘ in der Tasche war für Maria das Ticket in ein neues Leben. Sie wollte in die Neue Welt. Eine Welt, die ihr eine bessere Zukunft versprach. Weit weg von Hunger, Elend und menschlichem Leid.

Es war wahrscheinlich keine Liebesheirat. Eher eine Zweckgemeinschaft. Zusammen wäre man stärker. Mehr den Herausforderungen der Zukunft gewachsen, bloß: Presnikov wollte in Österreich bleiben. Zurück nach Russland, das war nicht mehr möglich. Sofort hätten Stalins Schergen ihn in eine sibirische Kohlengrube gesteckt. Und Österreich war dem Kaukasus näher als New York.

Frieden. Es war endlich Frieden. Aus dem Kosaken Presnikov wurde der eingedeutschte Österreicher Presnik. Er lebte in Österreich, aber das Herz war stets in dem Land, in dem unendliche Birkenwälder stehen und die Seele der Menschen so schwermütig ist wie die dunkle Farbe der fruchtbaren Erde. Maria und Nikolaus ließen sich in Kärnten nieder. Friesach. Amerika war für Frau Presnik plötzlich weit, weit weg. Der Kosake in Kärnten arbeitete hart. Einen Beruf hatte er nie erlernt. Wann auch?. Es war für ihn ja immer Krieg. Aber er war tüchtig, technisch begabt und hatte keine Scheu vor schwerer körperlicher Belastung. Galt es, wo Hand anzulegen, rief man den ‚Russen‘. Nikolaus Presnik war in Friesach der ‚Russe‘. Der Mann, unter dessen Haut Granatsplitter wanderten, der schlecht deutsch sprach. Zwischen Kosaken, Kaukassen oder Ukrainern hatte damals in Kärnten niemand differenziert. Der‚Russe‘ war Strandgut des 3. Reichs, arbeitete in einer Mühle, schleppte schwere Mehlsäcke.

Er ging als Knecht auf einen Bauernhof. Die Hände voller Schwielen, der Rücken krumm. Presnik kannte es nicht anders. Geholfen, alles durchzustehen, hat ihm sein bester Freund. Glasklar, hochprozentig. Russen trinken Wodka nicht aus kleinen Schnapsgläsern. Mindestmaß ist das Achtel. Wodka macht vermeintlich die Seele geschmeidig, der Alkohol lässt Hemmungen fallen. Zuhause zog Maria die Kinder groß. Fünf an der Zahl. Das ‚Zuhause‘ war ein durch Trennwände getrennter großer Raum innerhalb eines Dominikanerklosters, in dem mehrere Familien lebten. Gemeinschaftswaschräume und Toiletten. Privatsphäre? Undenkbar.

Russenbua. In diese Welt wurde 1962 der ‚Russenbua‘ Nikolaus geboren. Das Leben hat ihn genau in die Mitte der Familie gesetzt. Ausgrenzung lernte der junge Nik bald kennen. Kinder können in ihrer Offenheit manchmal auch grausam sein. „Ich sehe die Buben aus der Volksschule noch heute vor mir und höre wie sie sagen, ‚mit dem Russenbuam woll‘ ma nix zu tun haben‘. Als Kind versteht man das nicht. Wo ist der Unterschied zwischen mir und denen? Noch heute treffe ich meine ehemaligen Schulkollegen, bin keineswegs nachtragend. Trotzdem, solche Situationen vergisst man nie!“ erinnert sich der heute 41-Jährige. Gleichberechtigung – keine Unterschiede machen zwischen Rassen und Herkunft – das ist Nik P. wichtig. Es prägt, wenn man auf der vermeintlich falschen Seite des Dorfes geboren wurde. Nik: „Das gebe ich auch meinen Kindern mit: Toleranz, Offenheit.“ Die Mär von der glücklichen Kindheit in Armut ist das, was sie ist: ein Kapitel aus dem Märchenbuch. Bei den Presniks herrschte Geldmangel. Der Job des Vaters als Knecht warf nicht viel ab. Zu wenig für 7 Köpfe. Glücklich war der Kaukasse nur, wenn Freunde aus der Heimat, Kriegsvertriebene wie er, Menschen, die es geschafft hatten, der Abschiebung zu entgehen, auf Besuch waren. „Dann war Party. Die russischen Lieder. Die Balalaika. Da hatte ich das Gefühl, mein Vater hatte für einige Stunden sein Glück gefunden. Es wurde gesungen und getanzt.“ Schlimm wurde es für Nik dann, wenn der Alkohol die Richtung wies. Seine dumpfen Aggressionen ließ der Vater an der Familie aus. So wenig er sich mit seinen Kindern beschäftigte, wenn er betrunken war, dann schimpfte er die Familie in unverständlichem Russisch und es hagelte Schläge. Für Liebe, Zuneigung und menschliche Wärme war die Mutter zuständig. Eine Frau wie aus dem Bilderbuch. Sie hielt den Haushalt in Schuss, sorgte für das wirtschaftliche Auskommen, teilte das wenige Geld ein und erzog die Kinder. „Sie war sehr reinlich. Ich sehe sie jetzt immer noch in ihrer Schürze mit dem Besen in der Hand vor mir. Die Sonne scheint durch das Fenster. Die Staubflankerl tanzen durch das Licht über den groben Holzboden. Dazwischen meine kehrende Mutter.

Das sind Eindrücke, die man nie vergisst.“ Die Mutter hat das Kind Nikolaus geprägt. Sie war der Gegenpol zum herrschenden, groben Vater. Sie war die Fluchtburg für Kinderängste.

Tod. 1971. Nik war gerade einmal neun Jahre alt, da starb die Mutter – an einem Leberleiden. Die Frau, die nie einen Tropfen Alkohol angerührt hatte, starb an einer Krankheit, die meist als Trinkerleiden angesehen wird. „Sie ist aber auch an gebrochenem Herzen gestorben. Davon bin ich überzeugt. Sie hatte mit Sicherheit nicht die große Liebe in ihrem Leben gefunden. Mit der Ehe wollte sie die Chance wahren, in den Staaten ein neues Leben zu beginnen. Das war ihr Traum, den sie nie ausleben konnte.“

Als die Mutter aus dem Krankenhaus nicht mehr nach Hause kam, begann für die fünf Presnik-Kinder eine andere Zeitrechnung. Der Vater ließ
Hilfe von außen nicht zu, obwohl offensichtlich, dass er vollkommen überfordert mit der dramatisch veränderten Situation war. „Es war das totale Chaos. Der Vater oft besoffen. Die Watschen saßen locker. Zu fünft schliefen wir in einem Bett. Die Winter ohne Heizung waren kalt. Gewärmt haben wir unsere Füße am Hund, der mit im Bett lag. Kleider und Wäsche wurden nicht gewaschen. Auf dem Herd stand ein großer Kessel mit schwarzem Tee, der wurde einmal gekocht und dann immer wieder aufgewärmt, bis er leer war. Immer gab es nur Tee. Dann und wann, wenn der Vater aus der Mühle einen Laib Brot mitbrachte, bekamen wir festere Nahrung zwischen die Zähne. Wir hatten einfach nichts mehr zu essen.“

Als eine Nachbarin die Not, die eine Türe weiter herrschte, nicht verborgen blieb und helfen wollte, reagierte der Kosake aggressiv. Die fünf kleinen Presniks waren in dieser Zeit im Grunde sich selbst überlassen. Den Schmerz über die verlorene Mutter therapierten sie gruppendynamisch.

„Als Kind hat man dafür eine Antenne. Wenn bei einem die Depressionen durchschlugen, dann haben die anderen sofort versucht, durch Spielen für Abwechslung zu sorgen. Das klappte ganz gut. Es half auf jeden Fall.“ Die Kinder des Kosaken wurden so zu einer verschworenen Gemeinschaft.

Kommunizierende Gefäße. Schule – geschwänzt. Aufgabe machen – njet! „Es hat sich einfach niemand um uns gekümmert.“ In Friesach blieben
die Zustände bei den ‚Russen‘ nicht unbemerkt. Die ‚Bürgerfrauen‘ halfen in schwierigen sozialen Fällen. Zu Weihnachten brachten sie Geschenke vorbei. Die Kinder klebten mit der Nase an der Scheibe und warteten. Ein seltenes Erlebnis von Glück. Die ‚Bürgerfrauen‘ schalteten ob der Umstände, in denen die Familie lebte, die Fürsorge ein. Der Staat reagierte.

Zehn Jahre war Nik alt, als es hieß „Morgen werdet ihr abgeholt“. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich in meiner Angst an den Vater geklammert“, erinnert sich der Musiker. Das Band zwischen den Kindern wurde zerrissen. Der Schmerz in der Seele unbeschreiblich.

Zerrissen. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder landete er auf einem Bauernhof im Gurktal. Ein Glücksgriff. Nahezu wörtlich gesehen fiel er auf die ‚Butterseite‘ „Es war wie im Schlaraffenland. Ein eigenes Bett. Frische Wäsche. Fleisch und Wurst. Milch! Milch war etwas, das wir eigentlich vorher nicht hatten.“.Der Bauernhof der Familie Wilplinger lag einschichtig. Täglich waren 14 Kilometer Fußmarsch in die Schule zu bewältigen. Die beiden leiblichen Kinder der Zieheltern nennt Nik heute ‚seine Geschwister‘. Spät aber doch machte sich in dem ‚Russenbuam‘ das Gefühl von Glück in der Kindheit, von Familie breit.

Auf dem Hof gab es immer viel zu tun. Nik lernte, die Arbeit in der Landwirtschaft zu lieben. Die frische Luft, die Beziehung zu den Tieren. „Ich war Melker. Konnte sehen wie Milch, Korn und Wurst entstehen. Das hat mich sehr geprägt. Es inspiriert mich heute noch, wenn ich miterleben darf, wenn aus der Saat Korn erwächst. Diese Aufbruchstimmung in der Natur. Ich bin heute noch sehr, sehr dankbar, dass ich das erleben durfte.“ Die Ziehmutter war es, die nach der Hauptschule zur Lehre riet. „Kellner“, sagte sie, „Kellner ist ein guter Beruf“. Nik lernte also Kellner. Servierte in den unterschiedlichsten Lokalen und Hotels. Die Erfüllung war es nicht.

Abnabelung. Mit der Einberufung zum Bundesheer tat sich ein neuer Lebensabschnitt auf. Freiwillig verpflichtet. Eine Unteroffizierskarriere, die strebte der Friesacher an. Im Jägerbataillon 25 fühlte er sich wohl. Großes Ziel war es, zu den Fallschirmjägern zu gehören. Als Teil der Unteroffiziersprüfung galt es, einen 40 Kilometer Gewaltmarsch durchzustehen. Ein Marsch, unter höllischen Schmerzen bewältigt. Eine beidseitige Achillessehnenentzündung machte danach den Aufenthalt in der Heeressanitätsanstalt notwendig. Die Woche darauf hätte er mit dem Springen beginnen sollen. Unmöglich, die Verletzung war noch nicht verheilt. Den heftig bei Vorgesetzten erbetenen Aufschub um einen Monat ließ die Bürokratie nicht zu. „Ich war maßlos enttäuscht, hätte ein Jahr warten müssen. Dieses mangelnde Entgegenkommen der Bürokraten hat mich vom Heer entfremdet.“

Raus aus der Kaserne. ‚Schöpfen‘ – arbeiten. Nik heuerte am Bau an. Als Zimmermann. Die Arbeit mit Holz liebt er heute noch. Von Friesach aus wanderte er mit dem Bautrupp quer durch Österreich. In Wien half er mit, das SMZ-Ost, ein Krankenhaus, hochzuziehen. Er baute Staumauern und Hochhäuser. Lebte mit Menschen der unterschiedlichsten Nationalitäten auf engstem Raum im Baucontainer. Die hygienischen Zustände waren schlecht, trotzdem denkt er noch gerne an die Zeit zurück. „Wenn ich heute in Wien am SMZ-Ost vorbeifahre, dann sehe ich noch alles vor mir und erinnere mich, wie es damals auf dieser riesigenBaustelle war. Vom Keller weg ist daraus dieses gewaltige Ding geworden...und ich war dabei.“ Nik P., der ‚Russenbua‘, war der klassische ‚Hackler‘ mit Schwielen an den Händen und Betonstaub zwischen den Zähnen. Zehn Jahre lang. Das Leben auf fernen Baustellen vertrug sich nicht mit einem jungen Familienband. Heirat. Das erste Kind. Zurück nach Friesach. Ein neuer Job musste her. Er hörte von einer Firma in der Steiermark, die Leute suchte.

Teufenbach. In Teufenbach. Wo zum Geier liegt Teufenbach? An der Straße nach Murau. Teufenbach wurde zum neuen Lebensmittelpunkt. Die Firma IBS fertigt dort Teile für Maschinen, welche zur Papierherstellung benötigt werden. Als CNC-Techniker feilte Nik am Schleifprozess von Keramikteilen. Ein Job. Hauptsache Arbeit. Das zweite Kind kam, wieder eine Tochter. Die Schleifmaschine, die Kinder und... die Musik.

„Musik hat in meinem Leben immer eine Rolle gespielt“, erinnert er sich. Ausschlaggebend war vor allem Onkel Rudi, der Bruder der Mutter. Der lebt heute in Berlin, damals verbrachte er viel Zeit in Friesach. Onkel Rudi spielte Gitarre und wenn er Lieder von Freddy Quinn anstimmte, dann betrat der kleine Nik eine andere Welt. Die erste eigene Gitarre kaufte er vom ersten selbst verdienten Geld, von der Lehrlingsentschädigung. Eine Gebrauchte mit zwölf Saiten. Hardcore. Im Laden getraute er sich dem Verkäufer nicht zu gestehen, dass er vom Spielen keine Ahnung hatte. Autodidakt. ‚House Of The Rising Sun‘ klappte bald recht gut. Alle Griffe selbst beigebracht.

Erste Auftritte bei Festivitäten, in Cafehäusern. Die ersten Lieder entstehen. Bald spielen Bands eine Rolle. Kommerz- und Tanzmusik. Der Markt in Österreich wurde damals dominiert von Gruppen wie den ‚Original Fidelen Mölltalern‘. Für den Nachwuchs hatten die A&R-Leute bei den Plattenfirmen zwar Zeit, sich die Demos anzuhören, zu einem Plattenvertrag aber kam es nie. Eine Phase der Auszeit folgte. In Teufenbach wurde Nik P. schließlich wieder musikalisch aktiv, gewann bei einem Karaoke-Wettbewerb einen CD-Player und leckte erneut Blut.

Freund. Der Zufall führte Regie und trat in der Person des Arbeitgebers auf. Klaus Bartelmuss, Chef von IBS und selbst begeisterter Hobbymusiker, hörte bei einem Zeltfest Nik singen. „Wo denn der Typ her sei?“, fragte er. Antwort: „Der ‚hackelt‘ bei dir in der Firma.“ Bartelmuss tauchte ab diesem Zeitpunkt öfters bei dem Typ hinter der Schleifmaschine auf. Erzählte von seiner Band, suchte fachmännischen Rat. „Der Chef beim Presnik“ – die Kollegen wurden vorsichtiger. „Der packelt“, hieß es und Verschwörungstheorien machten die Runde. Dabei ging es nur um Musik. Aus dem Herrn Bartelmuss wurde nach einiger Zeit der Klaus. Klaus hatte einen Traum. Er wollte immer seine eigene CD produzieren. Und Klaus hatte vor allem die finanziellen Mitteln dazu. Er ist ein Mann, dem halbe Sachen grundsätzlich fremd sind. Der nächste Schritt war für Nik der eigentliche Befreiungsschlag. Klaus kam auf die Idee, den alten Stall hinter dem Firmengelände, der kurzfristig als Proberaum Verwendung fand, zum Tonstudio auszubauen. Nik sollte sich darum kümmern. Weg von der Schleifmaschine! Studiotechnik pauken. Während der Umbauarbeiten wälzte er Fachliteratur, vertiefte sich in Digitaltechnik. Stall Records wurde zum neuen Mittelpunkt.

Endlich frei drauflos produzieren können, der Kreativität ihren Lauf lassen. Der ‚Hackler‘ saß im Studio hinter den Reglern und dem Mikro. Er nahm auch seine Musik auf. „Nik P. & Reflex“. 1997 kam der Titel „Dream Lover“ und der Einzug in die ORF-Schlagerparade. Neun Mal Platz 1. Das Jahr darauf gewann er in München mit „Flieg weißer Adler“ den „Grand Prix des Schlagers“. Erfolg in der Musik, Probleme im Privatleben.

Die Ehe kriselte. Scheidung. Eine schwere Zeit. - Die Musik half Nik, dem ,Russenbuam', weiter.

Heute. Heute ist der Chef ein Freund. Angelika, die Frau an seiner Seite, hat dem ‚Russenbuam‘ am Donnerstag nach Ostern 2003 einen Sohn geschenkt. Niklas heißt er. Nikolaus, so wie der Vater. Nikolai, so wie einst auch der Großvater. Die beiden Nikoläuse wohnen in einem kleinen Holzhaus, dem ehemaligen Elternhaus von Klaus, direkt neben dem Tonstudio. Fünf Longplays sind dort im ehemaligen Stall entstanden. Stall Records ist der Ort, in dem Nik seinen Weg gesucht und gefunden hat. Künstlerisch hat er sich enorm weiterentwickelt. Er schreibt seine Songs grundsätzlich selbst. Die Lieder sind ein Spiegel der Seele. Die Möglichkeit, Vergangenes aufzuarbeiten. Und man hört es diesen Liedern auch an. Er, der im Sternzeichen des Widders geboren ist, dem man nachsagt, dass er manchmal recht stur sein kann. Nik P. der ‚Durchbeisser‘, der in seinem Leben schon knietief durch die Scheiße gewatet ist. Der die Gnade der Menschlichkeit erleben durfte und für den sich Schritt für Schritt alles zum Guten gewendet hat.

Nik P. ist heute ein Mensch, dem Demut nicht fremd ist. Der es schätzt, dass er zwischen all den Problemen, die er in seinen 41 Jahren mit auf den Weg bekommen hat, auch das Quentchen Glück finden durfte. Genau das spiegelt sich in seinen Liedern wider. Liebe, Glück, Freude, Hass, Zorn, Leidenschaft oder einfach Pech. Der Mann weiß, wovon er singt. Daran sollte man denken, wenn man in diesem Zusammenhang das Wort ‚Schlagerfuzzi‘ verwendet. Nik, der Sohn des Nikolai, der ,Russenbua', hatte seinen Frieden mit dem dominanten, teils brutalen, Vater gemacht.

Bevor der mit 89 Jahren verstarb, vertraute er seinem ‚Mittleren‘ noch an, dass es irgendwo im Kaukasus noch Michail, Ivan und Raissa gibt. Niks Geschwister, die damals gegen jede Tradition nicht mit in den Krieg gezogen waren. Das Herz des Kosaken war wahrscheinlich immer in der Ferne, die einst Heimat war. Die Gedanken der Mutter, die so perfekt in die ländliche Eintracht des amerikanischen, mittleren Westen gepasst hätte, die waren mit Sicherheit immer am Schiff Richtung New York. Es hat nicht sein sollen. Presnikov, der Kosak, wollte nicht nach Amerika. Sein Sohn hat seinen Platz gefunden. In der Hitparade und in Teufenbach. Wo zum Geier liegt Teufenbach noch mal? Ah ja, an der Straße nach Murau. Dort, wo Frau und Kinder leben, der Freund um’s Eck einen Großbetrieb führt, ein Herz für Musik hat und das Leben für Nik jetzt endlich freundliche Nasenlöcher macht. Ein Leben, das wahrlich kein langer ruhiger Fluss war, ist und wahrscheinlich nie mehr sein wird. Auch wenn das träge Wasser des Don manchmal diesen Eindruck macht. Dort, wo der Fluss sich in das Asowsche Meer ergießt...

Der Despot Stalin ist lange tot. Die Kosaken reiten noch immer. Heute vermehrt in Toyota Pick-Ups. In den sibirischen Kohlegruben werden längst keine Seelen mehr zerbrochen. Die Welt ist eine andere geworden. Sie dreht sich enorm schnell und lässt die Vergangenheit verblassen. Zeit und Zeitgeist verpuffen so schnell wie sie gekommen waren. Im Stall in Teufenbach sitzt ein Mann, dreht an den Reglern des Mischpultes und singt seine Lieder. Der ‚Russenbua‘ ist erwachsen geworden und seine Songs wachsen mit ihm. „Im Sonnenlicht des Glücks“ heißt einer der Titel des Nik P. Spät aber doch ist sie für ihn aufgegangen, die Sonne. Aber so ist das halt, im langen russischen Winter. Aber im Sommer, da blühen selbst in Omsk die Blumen.

Quelle: Ariola

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